Donnerstag, 22. Januar 2015

Biotop und Ghetto: Zum 20. Geburtstag von FM4.

Neulich hat ein verdienter Zeitungsredakteur auf Facebook in einem Anfall von Nostalgie einen alten ORF-Jingle gepostet. Es war der für "Trailer", jene legendären "Tipps für Filmfreunde" im ORF der 80er-Jahre, die nicht nur ihm mit der Titelmelodie Moondogs "Bird's Lament" in die Ohren legte. Flugs entsponn sich daran geknüpft eine Diskussion über eine ganze Reihe solcher Stücke aus einer Zeit, in der selbst Udo Hubers Hitparadensendung "Die großen 10" mit einem Jazzfusion-Stück eingeleitet wurde und die Wochenschau ("Panoptikum") mit Dave Brubeck startete.

Es sind durchwegs Stücke, die einem Mainstream-Formatradio nie auskommen würden - und gerade deshalb so nachhaltig im Gedächtnis blieben, weil sie anders und gut waren. Und es zeigt, wie einflussreich und wichtig Medien sein können. Seit nunmehr 20 Jahren überlässt der ORF einen Großteil dieser musikalischen Sozialisierungsfunktion dem Radiosender FM4.

Ich kann mich noch gut an "20 Jahre Ö3" erinnern. Das war 1987, und man vermittelte den Mythos, der Sender war einmal ein junger, rebellischer Alternativsender. Mit ähnlichen Vorgaben startete 8 Jahre später FM4. Mir war der Vorläufer "Musicbox" im Ö3-Programm zwar oft zu sperrig gewesen, aber sie erfüllte die Funktion von Forrest Gumps Pralinenbox - man wusste nie, was man kriegt, und immer wieder waren unverhofft wohlschmeckende Stücke darunter. Mein Interesse an "anderer" Musik hatte davor eher die Errungenschaft Kabelfernsehen und das MTV der frühen 90er geprägt, wo Ray Cokes sein Unwesen trieb und die große Grunge-Welle, amerikanischer HipHop und später Britpop mit voller Wucht auf mich einschlugen.

FM4 kassierte mich und viele meiner damaligen Klassenkollegen derart vorbereitet früh ein, spätestens mit der Schrägheit von Formaten wie "Salon Helga" als Sahnehäubchen. Wirklich alles anders wurde aber am 1.2.2000. Es war der Tag, an dem die schwarzblaue Regierung durch einen Tunnel zur Angelobung geführt werden musste - und FM4 erstmals ganztägig sendete. Der kulturelle, gesellschaftliche und nicht zuletzt wirtschaftliche Stellenwert des Senders ist seither gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Der Einfluss ist jedoch nicht oberflächlich und offensichtlich, er ist tiefgreifend. Man stelle sich vor: Das Land spricht und versteht jetzt (zumindest gefühlt) deutlich selbstbewusster und besser englisch, nur weil so ein Sender die Hälfte seines Programmes - noch dazu mit sehr hohem Wortanteil - in der Weltsprache sendet. Es ist nicht der einzige Effekt, den man erst bei näherer Betrachtung bemerkt.

FM4-Redakteure haben etwa nicht von ungefähr ein wahres Abo auf den Radiopreis für Erwachsenenbildung. Seit Jahren kommen auch die spannendsten Neuentwicklungen im ORF Fernsehen aus dem Personalreservoir des gelbschwarzen 4. Stocks des Funkhauses in der Argentinierstraße. Von "Willkommen Österreich" über die "Sendung ohne Namen" bis hin zur "Wahlfahrt" hat man nur dank bei FM4 ausgebildeter und "groß gewordener" Persönlichkeiten dort weiter gemacht, wo der Küniglberg bei der Einstellung von X-Large in den 90ern aufgehört hat: Kreatives Potential von jungen Leuten bündeln und entwickeln. Zwar ginge da noch deutlich mehr - und gerade im Fernsehen fehlt dem ORF dazu oft der Mut - aber ohne ein Biotop wie FM4 würde nicht nur der ORF selbst, sondern das ganze Land wesentlich trauriger aussehen.

Doch der Grat zwischen Biotop und Ghetto ist ein schmaler. FM4 trägt diese Rolle mit Würde. Der Sender ist und bleibt eine Quelle im besten Sinne. Auch wenn was etabliert ist auch gerne kritisiert wird. So darf sich auch FM4 seit gefühlten zehn Jahren anhören, es sei "nicht mehr so (gut) wie früher". Meine Theorie dazu ist eher, dass sich FM4 seit jeher bemüht "vorne" zu bleiben und sich nicht dem Alltagstrott eines eingeübten Schemas hinzugeben. Viele Hörer hingegen bleiben stehen - und das Radio läuft ihnen in der Suche nach Neuem davon. Die Schulkollegin, die mich ganz wesentlich zu FM4 und zur "alternativen" Musik gebracht hat, hört heute Ö3 und geht auf Bon Jovi-Konzerte. Und abgesehen davon, dass im nostalgischen Rückspiegel immer alles besser ist, bedient FM4 eine unfassbare Breite an Stilen und Geschmäckern im Rahmen eines Formatradios - was unmöglich alle glücklich  machen kann.

Ja - ganztägig den Sender laufen zu lassen, kann anstrengend sein. Weil es eben nicht nur Gedudel ist. Die unterhaltsam-lockere Morning Show ist abgesehen von der Musik noch eine angenehmere Entsprechung des "Wecker"-Gedudels beim großen Bruder in der Heiligenstädter Lände. Der "Reality Check" ist eine der besten Radiosendungen, die man hierzulande empfangen kann, aber neben konzentrierter Arbeit ebenso schwierig aufnehmbar wie das Ö1 Mittagsjournal. Um 14h einfach mal so eine Stunde einem DJ das Programm zu überlassen ("Unlimited") zeugt von Mut und erinnert mich an eine alte Episode mit Senderchefin Monika Eigensperger. Sie erträgt derlei Kritik seit jeher mit stoischer Gelassenheit und ist damit ein Fels in der wild umspülten Radiobrandung. Je nach Wind steht FM4 in der politisch-öffentlichen Wahrnehmung oft kurz vorm "Zugedrehtwerden" oder dem "zu erfolgreich sein", weil es dem Flaggschiffsender Ö3 Quote wegfrisst. In einem Gespräch meinte sie zu letzterem Problem einmal sinngemäß: "Dann spielen wir halt wieder ein bissl mehr Drum'n'Bass in der Morningshow".

Was man nicht vergessen darf, ist, dass das gegenwärtige österreichische Popwunder ohne FM4 nicht existieren würde. Die elende Debatte um Quoten und Respekt (Stichwort Lichtenegger) zeigt wohl auch diese andere Seite - das "Ghetto", das sich hier gebildet hat. Dort aber sind Phänomene groß geworden, die es ohne Sozialisierung und Entwicklungshilfe von FM4 nie gegeben hätte - und nicht nur einheimische. In einer entwickelten Kultur hätte Ö3 nicht nur Wir sind Helden, Franz Ferdinand, Mando Diao, Green Day oder Coldplay "übernommen" - alles Bands, die auf FM4 "groß" wurden - sondern zB auch Clara Luzia, Nino aus Wien, Parov Stelar oder zuletzt Bilderbuch und Wanda.

Mittlerweile hat Ö3 mit seiner dahingehenden Schotten-dicht-Politik schlichtweg verloren. Über die Grenzen hinweg singt man "Maschin" und "Bologna", die Bands spielen vor mehreren tausend Leuten Konzerte - und während Ö3 die Möglichkeit lokale Helden zu featuren, ungenutzt lässt, ist FM4 in großem Maße "Schuld" an deren Heldentum. Mit einer simplen journalistischen Vorgehensweise: Intensiver Szenenbeobachtung und -abbildung, also nicht mehr als der Fragestellung: "Was passiert da draußen eigentlich?", die man von einem öffentlich-rechtlichen Sender an sich auch zu erwarten hat. Solch einfache Dinge sind der Schlüssel dazu, dass Österreich aus dem Hinterstübchen der popkulturellen Bedeutungslosigkeit zurück in die Moderne gekommen ist.

Die Rolle und Bedeutung der Station lässt sich am leichtesten von außen beobachten. Spricht man mit deutschen Kollegen, beneidet man das Land um diese Institution. Erklärt man international den Sender und seine Reichweite (etwa 300.000 Hörer), erntet man ungläubige Blicke und Respekt. Tut man das (notgedrungen) aus Branchensicht, vervielfacht sich das: Wie kann es sein, dass Österreich "plötzlich" so viele Künstler aus der Tasche zaubern kann, stilistisch vielfältig, originell, "anders", besonders? Auch wegen FM4. Danke, du schwarzgelbes Monster.







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