Samstag, 31. Dezember 2011

Das Jahr 2011.

Wenn ich zurückschaue und mir meine Rückblicke auf vergangenen Jahre durchlese, weiß ich wieder, warum ich sie schreibe. Sie dienen mir als Reminder, Zusammenfassung und Nachschlagswerk. Was hat mich bewegt, was die Welt beschäftigt? Und die meist gestellte Frage darin lautet: "Was bleibt übrig?". Die Masse an Informationen im täglichen Leben lässt kaum mehr zu, sich an alles, geschweige denn an Details zu erinnern. Große, sprichwörtlich weltbewegende Themen stehen symbolisch dafür für ein ganzes Jahr. 2011 war an solchen Ereignissen nicht gerade arm. Es gab uns viel zu denken und viel zu lernen. Hier also ein absolut unvollständiger Auszug aus einer spektakulären Sonnenumrundung.

Der Platz.
Das Jahr brachte die Wiederbelebung des Platzes. Wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass wir mit dem zentralen Platz in Ägyptens Hauptstadt Kairo, dem "Tahrir", Demokratie und Aufbegehren verbinden? Die Ironie der Geschichte bringt es mit sich, dass ausgehend vom vielzitierten "Arabischen Frühling" auch in westlichen Gesellschaften Sinn und Bedeutung der Demokratie neu hinterfragt wurden - maßgeblichste Beispiele waren an der Madrider Puerta del Sol ("Real Democracy NOW!") oder im Zuccoti Park an der New Yorker Wall Street ("#Occupy") zu finden, die jeweils Dutzende weitere Platzbesetzungen bzw regelrechte Bewegungen nach sich zogen.
 
Das Böse.
Fraglos war 2011 aber kein gutes Jahr für die einstige "Achse des Bösen": Bin Laden von US-Spezialkräften eliminiert, Ghaddafi von seinen eigenen Landsleuten zu Tode gejagt, Kim Jong-Il von selbst gestorben. Und es wurde uns schonungslos aufgezeigt, wie sehr "Terrorismus" in den Köpfen zu einem Synonym für den Islam geworden war: Als in Oslo eine Bombe detonierte, waren "Terror-Experten" und der Mob mit islamischen Bedrohungsszenarien sehr schnell zur Stelle. Nur um wenige Stunden und 77 Tote auf der Ferieninsel Utoya später sprachlos die wahren Ausmaße und Hintergründe des grauenvollen Massakers des Anders Breivik zu erkennen.

Gerade in diesen dunklen Stunden beeindruckte der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg nachhaltig mit seiner "Mehr Offenheit, mehr Demokratie"-Rede. Im Übrigen einer der wenigen Politiker, die mich anno 2011 beeindruckten.

Die Korruption.
In Österreich manifestiert die politische Kaste eher ihren Ruf, das Volk als eine Art Realkabarett zu unterhalten. Von Ernst "of course I´m a Lobbyist" Strassers bizarrem Abgang von der Politbühne über das berühmt gewordene Zitat "Wo wor mei Leistung" (aus den Telefonprotokollen Walter Meischbergers mit Karl-Heinz Grasser) bis zur Causa Hochegger und Schmiergeldzahlungen in der Telekom-Affäre, von fragwürdigen Inseratspraktiken des Bundeskanzlers bis hin zur ebenso dreisten wie patscherten Bestellung des SP-Spezialfreundes Niko Pelinkas zum Büroleiter des ORF-Generaldirektors: Das scham- und geschmacklose Spiel mit der Macht hat 2011 kaum eine Facette ausgelassen, die nicht zum Schmerzen verursachenden Kopfschütteln anregen würde.

Anders als in anderen Ländern (siehe oben) werden derlei Entwicklungen eher mit einer wegwerfenden Handbewegung Marke "eh wurscht" kommentiert, Ende des Jahres hat aber just ein "echter" Kabarettist selbst dem fadaugerten Österreicher am Zahn der Zeit erwischt: Roland Düringer mit seiner Instant-Classic-Rede im allerletzten "Dorfers Donnerstalk" unter dem Schlagwort "Wir sind wütend". Sie erinnerte mich stark an die nicht minder legendäre "Mad as hell"-Szene aus "Network" - bezeichnenderweise ein nicht älter werdender Film aus dem Jahr 1976. Es scheint sich nicht allzuviel geändert zu haben.

Die Krise.
Erstaunlich genug, dass sich Politiker angesichts der Lage der Weltwirtschaft noch mit dem "Posten sind Schweine"-Spiel beschäftigen können. Seit 2008 die Große Krise ausgerufen wurde, hat sich die Wirtschaft nicht wirklich erholt - im Gegenteil: 2011 war das Jahr der Euro-Krise, die europäischen Staaten begannen, wie Dominosteine zu fallen. Ratingagenturen wurden das personifizierte Böse, weil sie die Entwicklung mit ihren Bewertungen nur noch beschleunigten und verschlimmerten.

Dabei scheint selbst dem Laien sonnenklar: Das "Erfinden von Geld" (die Finanzwirtschaft "macht" mittlerweile mehr Geld als die Realwirtschaft) musste irgendwann nach hinten los gehen! Das Schummeln in den Bilanzen musste doch irgendwann auffliegen (Griechenland und Italien lassen grüßen)! Doch seit Billa den Hausverstand beschlagnahmt hat, ist er offenbar anderswo abhanden gekommen.

Die Natur.
Wenn das Wetter nicht gerade eine extreme Seite zeigt, verschwindet das Thema Klimaschutz und Erderwärmung sehr schnell von der Agenda. Jeder weiß, dass es das Problem gibt, konsequent etwas dagegen tun ist aber nicht - frag nach in Durban, wo die alljährliche Klimakonferenz wie ebenso alljährlich ohne wirklich greifbares Ergebnis (abgesehen von einer Verlängerung des Kyoto-Protokolls) zu Ende ging.

So ähnlich verhält sich das auch mit dem Thema Atomenergie. Seit vor 25 Jahren Tschernobyl in die Luft flog, hatte die Atomlobby langsam aber sicher wieder den Blickwinkel etabliert, dass dies ja eine grüne und "sichere" Energiealternative darstelle. Und dann kam am 11. März das große Erdbeben in Japan mit nachfolgendem Tsunami, tausenden Toten und der Reaktorkatastrophe in Fukushima. Braucht es wirklich immer Ereignisse wie diese, damit wir auf bestimmte Dinge drauf kommen, die wir eigentlich eh wissen?

Die Technologie.
Schließlich war das abgelaufene Jahr wohl jenes, in dem der Paradigmenwechsel im Konsumieren und Verbreiten von Nachrichten endgültig Konturen anzunehmen begann. Soziale Netze, insbesondere Twitter und facebook, haben sich mittlerweile auch in der Breite zu Nachrichtenquellen und Multiplikatoren entwickelt. Der Arabische Frühling hat sich teilweise darüber organisiert, Nachrichten wie jene aus Oslo oder Fukuhsima "live" und mit Eyewitness-Berichten unterüfttert verbreitet.

Und noch einmal wirkt es wie eine Ironie des Schicksals, dass mit Steve Jobs just heuer eine der Ikonen der "Digitalen Revolution" von der Bühne abtrat. Den Kampf gegen den Krebs konnte selbst er nicht gewinnen, hinterlassen hat er ein gewaltiges Erbe an Marke (Apple), (r)evolutionären Produkten (iPod, iPad, iPhone...) und Reden wie dieser, die auch für uns ein wertvolles Lebensmotto vorgibt: Stay hungry, stay foolish. Die posthum blitzschnell veröffentlichte Biographie Jobs´ war eines der meist verkauften Bücher des Jahres - noch (auch) in physischer Form.


Die Musik. 
 Zuguterletzt die unvermeidlichen Musiklisten. Ja, Panik, in unserem Hause "groß" geworden, waren die unumschränkten Helden der deutschen Fachpresse, führen praktisch jede Liste (spex, Musikexpress, Spiegel Online...) mit ihrem Großwerk DMD KIU LIDT oder den daraus stammenden Songs wie "Nevermind" an. Die mittlerweile größtenteils entknüpften beruflichen Bande zur in Berlin lebenden Gruppe halten mich nicht davon ab, ein gewisses Maß an Stolz und Freude zu empfinden. Well done, Boys!

Mein persönliches Album des Jahres war PJ Harveys grandioses Gesamtkunstwerk "Let England Shake". Noch dazu durften wir bei der Premiere unseres "Poolinale" Musikfilmfestivals als erste überhaupt die zwölf Clips auf Kinoleinwand zeigen. 

Abschließend noch in loser Reihenfolge jene Songs, Alben und Konzerte, die mir mit dem Stempel "2011" in Erinnerung bleiben werden:

Songs
Metronomy - The Look
Austra - Lose It

The Do - Too Insistent
Reptile & Retard - Speeddance
Amanda Palmer (feat. The Young Punx) - Map Of Tasmania
Feist - How Come You Never Go There
Totally Enormous Extinct Dinosaurs - Garden
Elektro Guzzi - Pentagonia
Crystal Fighters - PlageThe Strokes - Macchu Piccu
The Naked And Famous - Young Blood
Oh Land - Son Of A Gun
Neuschnee feat. Parkwächter Harlekin - Sag mir nicht
Ja, Panik - Nevermind
M185 - Space Bum Rocket Kid


Alben
PJ Harvey - Let England Shake
Metronomy - The English Riviera
Elektro Guzzi - Parquet
Clara Luzia - Falling Into Place
M83 - Hurry Up, We´re Dreaming
The Do - Both Ways Open Jaws
Lykke Li - Wounded Rhyms
Feist - Metals

Konzerte
Arcade Fire - Wiesen
Dry The River - Reeperbahnfestival, Hamburg
Garish - Burgtheater, Wien
Retro Stefson - Simplon Up, Groningen (Eurosonic)
Reptile & Retard - Spot Festival, Aarhus
Totally Enormous Extinct Dinosaurs - Fluc, Wien

Filme
Black Swan
Midnight in Paris
Margin Call

Samstag, 19. November 2011

Wer Spotify hat, braucht für den Schaden nicht zu sorgen?

Seit 15. November ist Österreich auf der Landkarte des Spotifiy-Territoriums und damit in der modernen Realität der Musikwirtschaft angekommen. Was sich für den Konsumenten schnell als neue Sonne am Musikhimmel etablieren könnte, wirft für andere dunkle Schatten.

Als Spotify kürzlich in den USA an den Start ging, haben selbst renommierte Meinungsführer und Blogger wie Bob Lefsetz den Streaming-Dienst wärmstens willkommen geheißen und ihn als das Tor zur Zukunft in der Musikindustrie gepriesen - endlich ein sinnvolles, legales Angebot, dass den Torrentismus zu stoppen imstande ist. Wer braucht noch Musik saugen, wenn er jeden Song legal streamen kann?

Die Zahlen, die Spotify dabei regelmäßig vorlegt, sind tatsächlich beeindruckend: In bisher bedienten Märkten habe man bewiesen, dass man die Menschen von den illegalen Downloads hin zu den legalen Streams bringen könne - und dabei die legalen Downloadziffern sogar heben könne. Das klingt nach Jahren der Horrorstatistiken (etwa diese: Geschätzte 95% aller aus dem Internet geladenen Musik wird nicht bezahlt) natürlich gut in den Ohren jener, die mit Musik ihren Unterhalt verdienen wollen - Motto: "Ein paar zahlen ein bisschen" ist immer noch besser als "alle zahlen nix".

Was hier einerseits wie die Rettung der Musikindustrie gefeiert und propagiert wird, hat fraglos auch Schattenseiten. Keiner meiner Beiträge hier wurde so scharf und leidenschaftlich diskutiert wie jener im heurigen Juli ("Der langsame Tod"), der sich mit den (noch?) ungemein niedrigen Einnahmeströmen aus Streamingdiensten beschäftigt hat. Das Thema beschäftigt - kein Wunder: wir diskutieren hier nicht weniger als den "Sinn" einer Revolution, und noch keiner weiß genau, wohin sie uns führen wird.

Blattwende?

Der allgemeinen Euphorie über die Ankunft des Erlösermodells stellen sich mittlerweile immer mehr kritische Stimmen in den Weg. Und während "die österreichische Musikwirtschaft" (als die sich die IFPI gerne und nicht ganz zurecht bezeichnet) den Spotify-Start "begrüßt", machten Coldplay zuletzt damit Schlagzeilen, dass sie ihr neues Album "Mylo Xyloto" nicht für Spotify zur Verfügung stellen wollen. Adele hatte dies bereits davor mit "21" getan. Die Hintergründe dazu sind natürlich finanzieller Natur, oder "Business Decisions", wie in diesem Artikel detailliert ausgeführt wird.

Und dann war da Jon Hopkins, der all dies auf den Punkt brachte. Der zuletzt für den Mercury Award nominierte britische Elektronik-Musiker tweetete "8 Pfund für 90.000 Plays. Fuck Spotify" - womit die Story über die enorm niedrige Entschädigung endgültig in der breiten Öffentlichkeit angekommen war.

In der Folge hat auch ein großer britischer Digitalvertrieb mit 236 angeschlossenen  Labels seinen Gesamtkatalog von den Streamingdiensten zurückgezogen, weil die Zahlen eindeutig zeigen würden, dass die Leute einfach streamen anstelle eine CD oder einen Download zu kaufen.

Dabei ist das eh klar: Spotify ist einfach bedienbar, fährt ein "Freemium"-Modell, vereint clever so ziemlich alle Vorteile für den Konsumenten unter einem Modell - und ist damit Fahnenträger für den endgültig in die Wege geleiteten Paradigmenwechsel vom Besitz eines Tonträgers hin zum schlichten Zugang zur Musik. Diese Access vs. Ownership-Diskussion und die Schwierigkeit, bisherige Einkunftsquellen wie CD-Verkauf oder Radio-Airplay mit etwas Neuartigem wie Spotify zu vergleichen werden die nächsten Jahre der Musikindustrie prägen.

Urheber gegen Konsumenten?

Was oben genannte Künstler-Statements auch aufwerfen, reicht möglicherweise aber viel weiter: Der geschätzte Leser wird sich an den Krieg erinnern, den Metallica gegen Napster (und damit "das Volk") begannen - und sich damit einen Image-Knieschuss leisteten. Und auch die Diskussion um die Urheberrechtsabgabe ("Leercassettenvergütung") auf Festplatten ist noch im Kurzzeitspeicher verankert.

All diese Themen sind deutlich werdendere Indizien für einen seit Jahren aufziehenden, gefährlichen Krieg zwischen Urhebern und Konsumenten. Der User ist im digitalen Zeitalter (wohl unumkehrbar) zum "Alles Gratis"-Monster erzogen worden. Das Wertschätzen geistiger Schöpfung macht in Zeiten des massenhaften Konsums keinen Stich. Musik ist immer und überall - der in der (verwandten) Kulturflatrate-Diskussion geführte Vergleich mit einem Lebenselixier wie Wasser gewinnt damit einerseits Sinn und ist andererseits an Absurdität kaum zu überbieten. Wie lange wird das gut gehen?

Das Urheberrecht muss nachziehen

Die schleichende Untergrabung des Urheberrechts (und sei es "nur" in den Köpfen der Menschen) schreitet so unweigerlich fort - das muss aber nicht zwangsläufig Schlechtes bedeuten. Es bedarf dringend einer neuen Denke, die bestenfalls ebenso revolutionäre Züge trägt wie das Spotify-Modell. Ein modernisiertes, dem 21. Jahrhundert gerecht werdendes Urheberrecht ist jedoch nicht in Sicht. Im Gegenteil: Es fehlen die dazugehörigen Visionen - und die notwendige Energie fließt in vorgelagtere Diskussionen wie obiger.

Haben die Vordenker des Urheberrechts im 19. Jahrhundert noch den Wert künstlerischen Schaffens in die Gesellschaft getragen, müssen wir uns heute die Frage stellen lassen: Was ist die Bedeutung von Ideen, Werken, von urheberrechtlich geschützten Werten in der Gesellschaft von heute und morgen?


Spotify alleine kann man die fehlende Antwort nicht anlasten. Die Schweden sind clevere Geschäftsleute, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und eine konsumentenfreundliche, spannende Software geschaffen haben. Ich erneuere meine Hoffnung, dass die Einkommensströme aus dem Dienst mit steigendem Erfolg auch für die Urheber eine faire und relevante Größe erreichen werden. Spotify alleine wird die Musikwirtschaft weder komplett retten noch umbringen, es ist aber vielleicht der erste Dominostein, um eine wichtige und notwendige Wertedebatte anzustoßen und in die Öffentlichkeit zu tragen.

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Sonntag, 13. November 2011

Die große Chance.

Am Wochenende ging "Die große Chance" zu Ende - und liest man in den Medien dieser Tage, so hat der ORF seine eigene, vielleicht letzte Chance genutzt: Die Sendung gilt als durchschlagender Erfolg, die Quoten haben gepasst, die Siegerin auch - weil sie so schön dem gängigen Casting-/TV-Klischee widerspricht und es gleichzeitig herrlich bedient.

In jungen Jahren hab ich begeistert "Die große Chance" gesehen, weil es damals in den 80ern zuallererst ein Präsentierteller für talentierte Künstler unterschiedlicher Färbung war. Im Unterschied dazu dürfen sich die Teilnehmer heute in einen künstlich hochgespielten Wettbewerb stürzen. Sie dürfen sich dazu von einem Zirkusdirektor, einem kuschelig gewordenen Aggro-Rapper und einer durch der Staatsoper unangenehmen Nacktfotos zur Seitenblicke-Berühmtheit gewordenen Primaballerina erklären lassen, wie das Showbusiness funktioniert. Der alte Name wurde also mit einem wohlbekannten Konzept, dass sich der ORF einmal mehr von deutschen Privatsendern "geborgt" hat, kombiniert.

Der Erfolg der Sendung lag aber wohl weniger am geschickten Abkupfern, sondern am grundsätzlichen Charakter des Formats: es ist eine Familiensendung. Anders als beim durchgestylten und langsam dann doch ausgelutschte Karaoke-Format finden sich hier "Typen" für Oma, Papa und Kind. Die Echtheit und das Talent standen zumindest einen Schritt weit vor der Show. Selbst die an Plattheit nicht zu unterbietende, knochen gewordene Zumutung Doris Golpashin konnte das kaum verhindern.

Christine Hödl, die Gewinnerin, hat zweifelsohne Stimme und Begabung. Und dann auch noch die für TV-Erfolg unvermeidliche "Story", die sie aber betont sachte spielt. Wie nachhaltig uns der Name erhalten bleibt (und ob sie selbst dazu überhaupt Bock hat) wird sich weisen - die Chancen stehen zumindest nicht schlechter als bei Oliver Wimmer, Verena Pölzl und.... wie hieß die Heldin von Morgen nochmal?

Ich will angesichts all dessen nicht undankbar sein, wo ich den "Berg" doch beständig dafür kritisiere, die Musik im Fernsehen auf Stadl-Formate zu reduzieren. Was der ORF aber einmal mehr völlig vergisst, ist: Von der Sorte "sehr talentiert, dem breiten Publikum zumutbar, von hoher Qualität, mit guter Stimme" (etc.) gäbe es mehr als genügend da draußen. Viele davon würden sich und Alexander Wrabetz alle Finger und Zehen abschlecken, gäbe man ihnen die Möglichkeit, sich auch außerhalb ihrer liebgewordenen Nische (wo auch immer sie ist) und meinetwegen auch "nur" auf ORF III zu präsentieren.

Sollen die sich alle für die zweite Staffel der "großen Chance" bewerben, weil es ihre - erm - große und einzige Chance wäre, ins Fernsehen zu kommen? Dann wäre hierzu noch eine Kleinigkeit anzumerken... wie schon bei Starmania sind die Teilnahmebedingungen auch mit dem Abtritt an Rechten verbunden. Der Partner der Sendung ist Sony Music. Gemeinsam mit einem parat stehenden Management und der ORF Enterprise als Händchenaufhalter erhält der Teilnehmer ein, nunja, "Angebot, dass er nicht ablehnen kann".

Der ORF wirkt also nicht nur "nicht für", sondern sogar massiv gegen eine natürlich wachsende und florierende Talente-/Musikwirtschaft: Sie schließt unabhängige Unternehmen - Managements, Labels etc. - de facto aus - und damit all jene Künstler, die sich auch abseits von Castingshows zu etablieren versuchen oder schon etwas weiter waren als "hab schon ein paar Mal in einem Beisl gespielt" (C. Hödl). Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft enden, die über den Erfolg oder Misserfolg von Künstlern via Fernbedienung entscheidet, mit dem zwischengeschalteten Gatekeeper ORF?

Wenn "Die große Chance" etwas beweist, dann, dass Fernsehen als Medium und Mulitplikator nach wie vor über eine gewisse Macht verfügt. Zuallererst jene, für geeignete Künstler die berühmte gläserne Decke zu durchbrechen. Licht am Ende des Tunnels könnte die Entwicklung der Sendung aber allemal sein. Nämlich dann, wenn man im ORF begreift, dass sie nicht "alleine" bleiben muss und auch andere Musikformate Platz hätten.

Edgar Böhm (ORF-Unterhaltungschef) kündigt an, auch Entwicklungen außerhalb davon wahr zu nehmen (Ob das eine Drohung oder ein Angebot ist, kann man in einem Interview der aktuellen Ausgabe der Branchenzeitung Film, Sound & Media herauszulesen versuchen). Er möchte Künstlern wie Andreas Gabalier und 5/8erl in Ehren eine Plattform geben können, weil die ja schon bislang abseits gängiger Formate als funktionierend erachtet werden können. Nundenn, lieber Herr Böhm, ich hätte da noch ein paar weitere diesbezügliche Vorschläge...

P.S.: Im Übrigen ist das für die Sendung verwendete Kürzel "DGC" schon seit mehr als zehn Jahren für die jeden ersten Donnerstag im Monat im Wiener B72 stattfindende Veranstaltungsreihe "Der gute Club" im Einsatz. Dort werden - erraten - bewusst neue "Talente" einem interessierten Publikum vorgestellt. Das nächste Mal am 1. Dezember mit der absolut entdeckungswürdigen Band Likewise. Der geschätzte Leser möge sich eingeladen fühlen.


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Dienstag, 4. Oktober 2011

Ein kleines bisschen Geschichte.

Es ist aus vielen Blickwinkeln immer noch ein klein wenig unglaublich: Nach vielen Jahren und ebenso vielen Anläufen ist an diesem Wochenende tatsächlich ein Club-/Showcase-Festival samt Konferenz in Wien vonstatten gegangen. Ein kleines bisschen Geschichte dazu.

Schon als ich im September 2009 mit Tatjana Domany und den Kollegen von AMAN  die "Austrian Music Convention" initiieren durfte, war der Plan, ein Showcase-Festival in Wien abzuhalten, nicht mehr ganz taufrisch. Für die Stadt und die hiesige Branche aber war sie immer noch vergleichsweise revolutionär. Damals hatten wir internationale Gäste eingeladen, mit uns über die Sinnhaftigkeit, den Aufbau und den Zweck einer solchen Veranstaltung diskutiert und erstaunliche Resonanz und Ergebnisse erfahren. Das machte soviel Mut, dass wir danach mit der Idee "shoppen" gingen. Bei Sponsoren und Vertretern der Stadt gab es große Augen, Anerkennung, Glückwünsche, aber zuguterletzt nicht die ausreichenden Mittel zur Umsetzung. Es war die dritte derartige Runde in wenigen Jahren, mit stets erweiterten Teams und adaptierten Konzepten. Die Voraussetzungen waren so gut wie nie, denn dass die Labels (AMAN ist eine gemeinsame Interessensvertretung exportorientierter Labels) und kurz später auch Musikinformationszentrum (mica) überhaupt zusammen vorgingen, war bis kurz davor noch jenseits des Vorstellbaren (aber das ist eine andere Geschichte).

Ein paar Monate später wurde plötzlich das Popfest präsentiert. Die Stadt Wien hatte also doch Geld. In diesem Fall, um den Karlsplatz zu beleben. Bewiesen wurde in diesem Zusammenhang vor allem, dass es um Beziehungen noch mehr geht als um Ideen - aber immerhin: die Idee war spannend und durchaus gut. Sie kam von "außen" (Christoph Möderndorfer zählt nicht unbedingt zu den szenischen Protagonisten der Wiener Musikwelt, was hier durchaus ein Vorteil war), die Programmierung wurde clever mit einem fähigen Kurator (Robert Rotifer) besetzt. Zweck und Kommunikation des Festes waren nach innen gerichtet - wer diesen Blog verfolgt weiß, wie wichtig und notwendig ich das finde. Was (im Vergleich zu unserer Idee) fehlte, war ein Mehrwert, der "Raus"-Charakter, die Vernetzung ins Internationale.

Einer meiner ersten Wege nach Bekanntwerden des Popfest-Projektes führte mich daher zu Christoph Möderndorfer, um ihn über die Tätigkeiten der "Brancheninsider" AMAN/mica zu informieren. Nach ein wenig Überzeugungsarbeit zählten wir eins und eins zusammen - entstanden sind die Panels und Talks (unter Federführung von Franz Hergovich und Rainer Praschak im mica) mit nationalen und internationalen Gästen, die dem Popfest in den letzten beiden Jahren eine Bereicherung waren und Mehrwert gaben.

Wir nutzten diese Gelegenheit, um eine Handvoll internationaler Gäste nach Wien zu holen, um sich mit ihnen auszutauschen und ihnen die vitale hiesige Szene im vollen Glanz (des Popfestes) zu zeigen.

Im Herbst 2010 sprach mich dann Thomas Heher (TBA) an, ob wir nicht noch einen Versuch wagen sollten, Wien auf die Landkarte international besetzter Clubfestivals zu setzen - er hätte da eine Idee, die uns bei der Finanzierung helfen könnte. Das Medienhaus Monopol erwies sich in der Folge als "Missing Link" einer ohnehin bereits bemerkenswerten Kooperation. Ausgezeichnete Kontakte zu Sponsoren, eine an (hierenthalben notwendige) Naivität grenzende Vision, ein (siehe oben) gut aufbereiteter Boden, städtisch-szenische Aufbruchstimmung dank Popfest, eine Gesprächsbasis zwischen den wichtigsten Mitspielern, der Wille zu gemeinsamer konzeptioneller Arbeit - all das sind Gründe, warum Waves Vienna am vergangenen Wochenende zum ersten Mal über die Bühne gehen konnte.

Warum aber hat es diese Veranstaltung überhaupt gebraucht? Der Effekt von Waves Vienna kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die österreichische Musiklandschaft hat in den letzten Jahren einen Aufbruch erlebt, ist aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Dennoch ist der Rückstand zum internationalen Markt in vielen Bereichen offenkundig. Während sich die Qualität der Bands zügig auf hohes internationales Niveau heranpirscht, ist die Landschaft an Professionisten vergleichsweise äußerst dünn besiedelt. Es gibt kaum "Manager", Antreiber, wenige international operierende Labels und Agenturen, der transnationale Vernetzungsgrad ist gering. Es fehlt der Mut zu investieren, der Mumm sich zu Musik als Profession zu entschließen (das hat auch Marktgründe), der unbedingte Wille sich zu verbessern und weiter zu bilden.

Immerhin: Kooperieren geht mittlerweile wengistens national (man nehme nur genau diese Geschichte als Beispiel), langsam wird auch begriffen, dass es mehr braucht als darauf zu warten, ob FM4 den neuen Song spielt oder nicht. Immerhin: Man zieht zum ersten Mal mit einer breiten Armada an einem Strang - es gibt schließlich kaum etwas, worauf man dem anderen gegenüber neidig sein könnte.

Waves Vienna kommt also genau zum richtigen Zeitpunkt: Das "Kochen in der eigenen Suppe" hat zwangsläufig endlich ein Ende, Herrn und Frau österreichischem Musikmenschen wird direkt vor der Haustür ein kleines bisschen Welt zu Füßen gelegt: Zum Konferenzteil haben sich mehrere hundert Besucher angemeldet, gekommen waren unter anderem Vertreter einiger der wichtigsten Fach-Events der Welt: SXSW (Austin, US), Eurosonic (Groningen, NL), MaMa (Paris, FR), Reeperbahnfestival (Hamburg, DE), Spot Festival (Aarhus, DK), Canadian Music Week (Toronto, CA) und solche bedeutender osteuropäischer Festivals (Sziget, Exit, Wilsonic, Rock For People...). Management-Legenden wie Peter Jenner (früherer Manager von Pink Floyd und The Clash) sprachen und tratschten, Delegierte aus so bunt verstreuten Ländern wie Schweden, Belgien, Polen, Ungarn oder der Türkei waren hier und lauschten und diskutierten. Journalisten von BBC oder Clash Magazine sowie zahlreicher osteuropäischer Medien waren ebenso vertreten. Das intensive Vernetzen und Trommeln der Beteiligten, das Kennenlernen all dieser Leute auf eben solchen Events in aller Welt, verstreut über die letzten Jahre: es hat Früchte getragen.

Nebeneffekt: All diese "prominenten" Gäste gingen mit uns des abends in die Clubs um unter 80 Acts auch rund 30 österreichische Künstler zu sehen, die neben Gang Of Four, EMA und Zola Jesus nicht bloß Beiwerk waren. Sie haben sich mit den Leuten in Wien über Wien unterhalten, sich vernetzt und ausgetauscht. Sie haben sich ein Bild gemacht, dass sie sonst nie bekommen hätten - und waren erstaunt. Über die Qualität und Dichte der Szene, über die Coolness der Lokale, über die Schönheit der Stadt, über den Mut im Jahr 2011 so ein Event neu zu erfinden. Wien als Standort wird jetzt ein schönes Stück weit ernster genommen, besser verstanden und in Zukunft mehr gefragt - und versprochen: das war erst der Anfang.

Das Feedback zu dieser ersten Ausgabe hätte gar nicht viel besser sein können. Es wurde gelobt, aber auch konstruktiv und sachlich auf zweifelsohne noch vorhandene Schwächen und Fehler hingewiesen, nicht ohne zu betonen, wie weit Waves Vienna für seine Erstausgabe bereits sei (gerade von jenen, die selbst solche Events aus dem Boden gestampft hatten). Zurück kommen wollen alle. Nicht zuletzt, weil wir Wien als das hergezeigt haben, was es ist: Eine wunderschöne Stadt, die sich geographisch bestens als Verbindungspunkt zwischen ost- und westeuropäischer Märkte eignet; als Treffpunkt und Konferenzort - noch dazu mit reichlich Partypotential ;-).

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Mittwoch, 7. September 2011

Raus hier!

Wer sich ein klein wenig mit Musik und seiner wirtschaftlichen Seite auseinandersetzt, der kennt die Tonnen an Sprichworten, Vergleichen und Sagern, die die Wichtigkeit des Exports nahe legen. Nicht nur ehemalige Minister wissen: Austria is a too small country.

Die Rahmenbedingungen, insbesondere für einigermaßen zeitgenössische Populärmusik in Österreich, sind nicht per se schlecht; der Markt aber ist mit seinem Zustand und seiner Größe dennoch nicht sonderlich tragfähig – also nix wie raus! Bloß wie?

Auch in der Musik hat die Globalisierung längst Einzug gehalten. Die Digitalisierung hat zudem diesen globalen Markt mit Unmengen an vielfältigsten Produktionen überschwemmt. Das Exportieren an sich ist also einerseits einfacher geworden, das erfolgreiche Positionieren in einem „fremden“ Markt aber durchaus schwieriger.

So klein die Rolle der Nationalität mittlerweile dabei geworden ist, so gilt „aus Österreich hinaus“ arbeiten aus vielen Gründen als nicht besonders attraktiv oder zielführend für Künstler: Die gefühlte Reputation der österreichischen „Musikarbeiter“ hält nicht mit jenen der bekannten internationalen Konkurrenz mit, die Kontakte sind auf bescheidenem Niveau, man wird nicht besonders ernst genommen, es gibt kaum Vorbilder. Das Level an Professionalismus ist vergleichsweise gering, Lücken tun sich beispielsweise im Bereich Management auf. Und all diese Klischees und Argumente bewegen sich in einem einander bedienenden Teufelskreis.

Aus der Perspektive des mit Künstlern arbeitenden Musikwirtschafters gilt es also, genau hier anzusetzen, den Kreis zu durchbrechen und nach mehr zu streben. In den letzten Jahren hat sowohl auf künstlerischer wie auf wirtschaftlicher Ebene längst ein Aufholprozess eingesetzt – nicht von ungefähr sind bei hiesigen Labels (zB schoenwetter, SeaYou) Künstler aus England, den USA, Frankreich oder Schweden unter Vertrag. Luft nach oben ist dennoch reichlich vorhanden.

Der Schlüssel besteht aus den Bausteinen Selbstbewusstsein, Vernetzung, Kooperation und Geld – bestenfalls in genau dieser Reihenfolge. Wer diesen Schlüssel mit einer Portion Cleverness benutzt, sperrt unverhofft viele Türen auf.

Wie sieht der Bauplan dazu aus?

Eins: Selbstbewusstsein.
Wen interessiert, das Österreich ein kleines Land ist? Dieses Land hatte Mozart und Falco. Beide Seiten der Klischeemedaille kann man getrost einmotten, wenn man ein gutes „Produkt“ hat, mit dessen Qualität man sich auch auf internationaler Ebene nicht verstecken muss. Es ist herzeigbar? Zeig es her! Ich besuche pro Jahr viele einschlägige Länder- und Exportveranstaltungen - und ehrlich: Kaum ein Land hat eine derart vitale, bunte, qualitative und dichte Musikszene wie Österreich. Das Potential verpufft nur allzuoft ungenutzt (mit zum Beispiel eingangs erwähnter „Ausrede“).

Zwei: Vernetzung.
Man wird nicht gleich zum Chef der größten Plattenfirma der Welt laufen können, aber jeder Kontakt von heute kann morgen wichtig sein. Musik ist ein Peoples Business, und sowas geht selten schnell. Vernetzung ist ein nie fertig gestelltes Puzzle, aber jeder Teil macht das Bild vollständiger. Hat man Punkt 1 erfüllt und Qualität, ist das zudem das beste Öl für den Motor Vernetzung. Die zur Verfügung stehenden Tools sind mannigfaltig: Festivals, Konferenzen, Messen, Austauschprogramme, Informationsabende… überall trifft man Leute, und umso interessanter (und interessierter) man selber ist, umso interessanter sind die Leute, mit denen man zu tun hat.

Drei : Kooperation und Offenheit.
Ich bin ein leidenschaftlicher Verfechter des Prinzips Offenheit. Paradebeispiel: Wenn alle nur exportieren wollen, wem genau verkaufen sie eigentlich ihre Ware? Irgendjemand muss auf der anderen Seite stehen und das Produkt auch importieren. Offenheit heißt voneinander zu lernen und zusammen zu arbeiten, sich auszutauschen und zu ergänzen – und das bedeutet weiter zu kommen, Neues zu schaffen. Mit Offenheit kann selbst der Chef noch von seinem Praktikanten lernen und spielt sich das Musikwirtschaftsspiel bis hin zur internationalen Ebene leichter und vor allem interessanter.

Vier : Geld.
Füge den Teilen eins bis drei besagte Cleverness hinzu und überzeuge mit einer innovativen Idee die Leute von www.departure.at. Viel Glück.

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Dieser Text wurde als Beitrag für den departure.blog im Rahmen des "Focus Musik" verfasst und unter blog.departure.at veröffentlicht.
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Samstag, 27. August 2011

Stop me, Amadeus.

 Dem aufmerksamen Beobachter ist nicht entgangen, dass es heuer keinen österreichischen Musikpreis geben wird. Der „Amadeus“ war seit 2001 fester Bestandteil des hiesigen Industriegeschehens und breit genutzte Projektionsfläche für Klischees, Klagschriften und Jubelposen – jetzt macht er erstmal Pause, weil zu wenig Geld da ist.

Vor zwei Jahren wurde der Preis unter mächtigem Getöse „relaunched“, mit mehr Österreich-Faktor versehen und von seiner Bürde, ein kleiner Grammy mit internationalen Gästen sein zu müssen, befreit. Die Luft zum Atmen hatte er nach knapp zehn Jahren zwar durchaus gebraucht, gleichzeitig war das Bekenntnis einer akkurateren Abbildung des österreichischen Musikgeschehens aber ein aufgelegter Elfmeter für den ORF. Seinen ein Jahr davor ausgelobten Ausstieg aus der Fernsehübertragung des Preises konnte er so noch „billiger“ begründen. Zumal dies der zugewiesenen Paraderolle des Rundfunks, die Musikszene medial zu marginalisieren, in die Hände spielte. Freilich ist das hier nur eine Diskussion am Rande.

Das Top-Argument, den Musikpreis überhaupt abzuhalten, war damit jedenfalls ausgeschaltet: eine möglichst große Fläche für Musik aus Österreich zu schaffen. Dass aus dem Amadeus ein Koma-Patient wurde, ist also weder überraschend noch verwunderlich.

Nun ist der Preis offiziell nicht tot, sondern setzt nur ein Jahr aus. Es darf vermutet werden, dass der (an sich nicht ungelungene) Relaunch von den Entscheidungsträgern als Schuss in den Ofen gesehen wird. Das ist aber ein bisschen so, als ob man frohen Mutes in 12jährige Fußballer investiert hat und nach zwei Jahren entsetzt alle Bemühungen einstellt, weil immer noch keine Champions League-Mannschaft daraus geworden ist. Schon eher offiziell ist die Version, dass es schlicht zu wenig Geld für den jährlichen, erm, „Branchenumtrunk“ gab.

Widmen wir uns also den Details, zunächst dem beliebten Inhaber des Schwarzen Peters, dem ORF. Ausgerechnet Franz Medwenitsch, der Geschäftsführer der IFPI, sitzt dort als Stiftungsrat an den „Hebeln der Macht“. Blöd nur, dass er sich dort als „Rädelsführer“ des VP-Freundeskreises in radikaler Opposition zum eben wiedergewählten General Alexander Wrabetz befindet. Die Musikwirtschaft also im Würgegriff eines eher fragwürdigen Politspektakels?

An der ORF-Übertragung und also der besagten breiten „Fläche“ hängt freilich mehr als der fromme Wunsch nach Aufmerksamkeit für die Musik: Der Wille potenter Sponsoren, in den Amadeus zu investieren, ist ohne breit aufgestellte TV-Sendung enden wollend. Puls4 in Ehren, sind die erreichten 25.000 Zuseher sehr bescheiden verglichen mit dem Potential, dass der ORF mit derselben Sendung hätte. Keine Quote, keine Sponsoren, kein Geld, kein Amadeus – ein kleiner Teufelskreis.

So nobel die Vorhaben der IFPI im Zusammenhang mit dem Amadeus hier klingen, so fragwürdig sind die Hintergründe dieses Vereins. Der „Industrieverband“ ist selbst kein besonders lebendiger Repräsentant der österreichischen Musikszene: Die IFPI ist ein Interessensverband, vertritt hauptsächlich die „großen“ Labels (plus einiger größerer Independents, die bereit sind, hohe Mitgliedsbeiträge für wenig Mitspracherecht zu bezahlen) und damit sprichwörtlich „industrielle Interessen“ – und schottet sich geschickt ab, um diese wahren zu können.

Und wie weiland im Fußball (um den Vergleich wieder aufzubringen) ist es auch in der Musik wesentlich einfacher und billiger international erfolgreiche Produkte innerhalb von bestehenden Konzernstrukturen zu vermarkten und zu handeln, als selber welche zu entwickeln. Das Interesse, österreichische Musik „hochzuziehen“, ist vergleichsweise teuer, aufwendig und schwierig. Nur logisch, dass es nachrangig bleibt. Das freilich scheint auch konzernpolitisch eher kurzsichtig, darf aber die Sorge der dortigen Manager bleiben.

Heikel ist jedoch: Die IFPI ist auch Eigentümer (!) der Verwertungsgesellschaft LSG. Ein klein wenig grotesk, denn die LSG vertritt die hiesigen Produzenten (Labels) und Interpreten.  Sie trägt dabei Sorge für deren Rechtewahrnehmung - beispielsweise bei Radiosendungen. Wie alle anderen Verwertungsgesellschaften ist die LSG zur Führung eines Fonds für soziale und kulturelle Einrichtungen (SKE-Fonds) verpflichtet. Gespeist wird dieser aus den Einnahmen aus der „Leerkassettenvergütung“ (bzw Festplattenabgabe), ein Posten der zuletzt die Summe von 2,354 Millionen Euro ausgemacht hat (siehe Jahresbericht 2009).

Hört man als Musiker SKE, denkt man sofort an die Kleinförderungen des gleichnamigen Fonds der Austro Mechana, die ihrerseits sehr gezielt, sinnvoll und vor allem transparent vergeben werden. Nicht so bei der LSG. Trotz seit Jahren anhaltender Kritik sind die Förderungen extrem intransparent. Die LSG kofinanziert aus diesem Topf jährlich unter anderem auch „soziale und kulturelle Einrichtungen“ wie Starmania. Die genaue Höhe der Fördersumme ist unbekannt. Die potentielle Fördersumme für Kleinlabels ist prinzipiell eher unbekannt, und richtet sich darüber hinaus nach deren Umsatz (!) - wen das wohl begünstigt?

Zurück zum Amadeus. Dessen Finanzierung war 2011 nicht mehr gewährleistet, weil nicht ausreichend Sponsoren gefunden werden konnten. Immerhin wären aus besagtem Topf der LSG aber 430.000 Euro zur Verfügung gestanden. Ich lasse euch zunächst mit nur einigen wenigen Fragen, die jetzt im Hirn aufpoppen zurück: Und das reicht nicht? Was passiert mit dem Geld heuer? Bitte, wieviel?

Ergänzungen erlaubt, Fortsetzung folgt.

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Vergangenes zum Amadeus:
Fazit 2009
Amadeus neu (2009) und Amadeus neu 2 (2009)
Amadeus 2007

Montag, 25. Juli 2011

Mehr Offenheit und mehr Demokratie.

Es müssten einem die Worte fehlen, nach einem Wochenende wie diesem. Und gerade deshalb bedarf es, einiges raus zu lassen.


Ich möchte nicht zu sehr auf die beängstigende Logik und Stratgie eingehen, mit der ein unmöglich zu beschreibender Mensch das Handeln seiner Beobachter vorhergesehen hat und so uns alle für seine Zwecke (Multiplikation der Message) einspannt. Samt fesch und adrett in Uniform fotografieren lassen und ein Pamphlet des Wahnsinns verbreiten. Andere haben das ausreichend und bestens getan, Blogollege Misik etwa.

Was mich beschäftigt, ist die Frage nach dem Dahinter - und danach, wie die Welt auf eine unbegreifliche Tat wie jene in Utoya und Olso "reagieren" sollte. Die Norweger machen es im Grunde vor, selten hat mich eine politische Figur in einer Krisensituation so beeindruckt wie Jens Stoltenberg. Er gibt den Takt für meine Antwort vor.

"Unsere Antwort wird mehr Offenheit und mehr Demokratie sein." 

Es ist vielleicht der wichtigste und weiseste Satz, den ein Politiker im 21. Jahrhundert gesagt hat. Ob er seinen bedingungslos offenen Kurs durchziehen kann, wird die vielleicht größte Nagelprobe die eine moderne Demokratie je zu bestehen hatte, und ich wünsche ihm, mir und uns, dass er Erfolg hat.

Erinnern wir uns an die Tage nach 9/11 und G. W. Bush - da hieß es "We´ll hunt you down". Mit seiner Politik und Strategie nach dem Terrorakt hat er die Attentäter und Strippenzieher dahinter eigentlich umfangreich belohnt. Sie haben all das erreicht, was sie wollten. Aufmerksamkeit, Angst und Schrecken in aller Welt, Krieg.

Jedes mal, wenn ich am Flughafen eine Sicherheitskontrolle durchschreite und es "piepst", geht mein Puls kurz nach oben. Ich hab mir zwar nie etwas vorzuwerfen, aber seit dem 11. September ist man zunächst Terrorist - außer man beweist das Gegenteil (insbesondere beim Einreisen in die USA). Angst und Schrecken, auch 10 Jahre später.

Umgekehrt könnte die Strafe für den Attentäter höher gar nicht sein, als dass wir seine krude Ideologie völlig ignorieren, die Menschlichkeit, die Offenheit, das Gemeinsame bedingungslos zelebrieren wie nie zuvor. Und hier ist der Knackpunkt, wo wir als Gesellschaft ansetzen müssen: Die Fähigkeit zur Gemeinsamkeit.

Träumen wir doch einen Moment lang nicht von einer wie auch immer gefärbten Weltutopie, fantasieren wir keine religiösen Revolutionen herbei, realisieren wir doch auf allen Ecken des politischen Spektrums: Es wird immer zwei (oder mehr) Seiten geben, es wird immer andere Meinungen, Einstellungen oder Farben geben als die eigene. Es gibt Rapid und Austria, Linke und Rechte, Inländer und Ausländer, es gibt verfeindete Nachbarn und zerstrittene Geschwister. Es gibt aber auch Yin und Yang, die aus dem Unterschiedlichen das Gemeinsame bauen.

Ein Gedankenexperiment: Würden wir alle Linken in die eine Hälfte des Landes schicken und alle Rechten in die andere - wäre die Welt in jeder der beiden Hälften besser? Natürlich nicht! Jede Hälfte würde in sich dennoch streiten, es gäbe reichlich Gelegenheiten dazu. Beispiele? Israel und Palästina. FPÖ/BZÖ/FPK. Und so weiter. Man könnte natürlich weiter separieren und Leute mit unterschiedlichen Ansichten, Relgionen, Hautfarben, Lieblingsklubs und Blutgruppen voneinander trennen. Das geht so lange, bis jeder von uns alleine dasitzt.

Blödsinn? Eben.
Wir sollten uns damit abfinden, dass wir miteinander auskommen müssen.
Fangen wir gleich jetzt damit an. Immerhin sollten wir spätestens seit der Aufklärung begriffen haben, dass es möglich ist, auf zivilisierter Ebene über Ansichten zu reden (die andere Seite davon heißt übrigens: Zuhören).

Also: Fangen wir an, zu diskutieren. Nehmen wir unser demokratisches Grundrecht wahr und benutzen unsere Stimme. Wenn uns etwas stört, stehen wir auf und tun es kund. Vergessen wir einen Moment lang, dass die wegwischende Handbewegung der häufigste und einfachste Kommentar zum politischen Geschehen ist. Tun wir etwas, reden wir. Am besten miteinander, auch mit jenen, deren Meinung wir nicht von vornherein teilen. Lernen wir, die andere Seite zu respektieren, zu verstehen, auch wenn wir nicht gleich rüber wechseln wollen. Hören wir nie auf, unsere eigene Meinung zu hinterfragen, zu überprüfen und auf die Probe zu stellen.

Der Ansatz ist freilich vielleicht justament eines: Naiv.
Und Stoltenbergs Nachsatz zum obigen Zitat lautete: "Aber nicht mehr Naivität."
Got ya.

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Montag, 18. Juli 2011

Das programmierte Desaster.

Eigentlich wollte ich zum Thema ORF 3 (eigentlich "III") bereits etwas schreiben, bevor die Programmstruktur dazu bekannt gegeben wurde. Es hätte eine Wette sein sollen. Eine solche wäre ich nämlich leichten Herzens eingegangen - und hätte sie freilich ebenso einfach gewonnen. 

Das lässt sich jetzt natürlich gut sagen, aber mir zu glauben ist auch nicht schwierig: Ihr Inhalt wäre gewesen, dass es der "Berg" zustande bringen würde, auch einen vollständig der Kultur und Information gewidmeten Sender ohne adäquate Abbildung der hiesigen Musikszene zu programmieren. Und schafft er es? Aber mit Leichtigkeit!

Jetzt ist eine solche Wette nicht unbedingt mutig. Wenn der ORF von etwas zu viel hat, dann von Vorschlägen diverser "Lobbyisten", was er alles für die eine oder andere Zielgruppe machen sollte - insbesondere wenn es um qualitatives Programm, und dann erst Recht wenn es um kulturelles Programm geht. (Denken wir nur an den großartigen Vorschlag der FP-Abgeordneten Unterreiner, die allen Ernstes (noch) mehr Volksmusik im ORF durchsetzen wollte.)

Jetzt muss man kein allzu guter Kenner des Landes Österreich und seiner Institutionen sein, um bestimmte Mechanismen zu kennen. Doch selbst das Befrieden diverser Einflüsterer und das Gestalten nach generalwahlkampfadäquaten Interessen in Betracht ziehend erschließen sich mir einige Dinge einfach nicht. Zuallererst: Warum sich der ORF so konsequent vor einer Zielgruppe wie der "unsrigen" versteckt und sie immer wieder dermaßen vergrämt. Im Falle von ORF III ist das in etwa so, als würde man einen neuen Hauptbahnhof bauen und ihn nicht an die U-Bahn-Linien der Stadt anbinden.

Empirisch erhoben handelte es sich bei besagter Zielgruppe - immerhin - um junges Publikum, dass gegenwärtig und/oder zukünftig in überdurchschnittlichem Maße an entscheidenden Positionen sitzt und Personalverantwortung ausübt, Etats vergibt, gebildet und kaufkräftig ist oder wird. Warum verzichtet man auf die Bindung dieses Publikums völlig? Mir fällt nur EIN guter Grund ein, diese Zielgruppe zu ignorieren, und der ist nicht klug: Dieses Publikum ist nicht die Mehrheit. Aber bei ORF III kann dieses Argument nicht schlüssig greifen.

Dass die Quotengeilheit des ORF justament begonnen hat, als das Privatradio und -fernsehen in Österreich spät aber doch Einzug hielt, ist eine Art Paradoxon. Während anderswo (etwa von der BBC) der eigentliche Sinn des öffentlichen Rundfunks beständig hinterfragt und mittels eines regelmäßigen Public Value-Reports  definiert wird, herrscht hierzulande "Malen nach Zahlen". Es ist das alte Grundübel: Quantität statt Qualität - wie oft hatten wir das schon...?

Hintergrund ist (auch das hatten wir schon) die 50%ige Abhängigkeit des Senders von Werbegeldern und das damit verbundene Buckeln vor dem Markt. Dass dies dem staatlichen Auftrag zuwiderläuft - selbstredend. Dabei hat man es dem ORF so leicht gemacht, eins und eins zusammen zu zählen. Der vieldiskutierte "Kulturauftrag" einerseits, die "Einladung" des Gesetzgebers, einen eigenen (werbetechnisch eingeschränkten) Kulturkanal zu programmieren andererseits. Es ist wie ein Elfmeter ohne Torhüter.

Und der Staatsfunk? Er spielt lieber weiterhin Privatfernsehen. Neulich programmierte ATV "Two And A Half Men" in den Hauptabend. Der ORF kopierte dieses erfolgreiche Konzept in den Samstagabend und sendet dort jetzt uralte Wiederholungen - herzlichen Glückwunsch zu soviel Programminnovation mit öffentlichem Mehrwert. Weitere Beispiele bitte gerne hier einfügen, es gibt sie tonnenweise.

Nun will ich ORF III und sein Programmkonzept nicht totreden, bevor der Sender geboren ist. Ich wünsche mir dennoch gutes Programm. Und es kann ja dennoch sein, dass hier hochwertiges und interessantes Programm geboten wird. Aber ich kann ein Beispiel bringen, wie es AUCH ginge: ZDF KULTUR. Aus dem ehemals schnöseligen und kaum angenommenen Theaterkanal (mit der gefühlt gleichen Zielgruppe die der ORF jetzt mit III anpeilt) entstanden, hat sich der Sender völlig neu erfunden und spannend positioniert - nämlich vor allem jung, abwechslungsreich und intelligent - gleichbedeutend mit nicht extrafrech und nicht superjung, nicht übertrieben und schon gar nicht aufgesetzt; kurzum: recht gut. Und - siehe da - selbst Oper findet in diesem Kontext Platz und Publikum (by the way: Wer sagt, dass etwa Barbara Rett nicht auch in SO ein Konzept passt?).


Das Programm erinnert mich teilweise an jene Zeit, in der der ORF seine Talente noch im eigenen Glashaus gezüchtet hat. In den 80ern mit "OK" und "Ohne Maulkorb" - ohne die wir heute weder Barbara Stöckl noch Vera Russwum ertragen müssten. In den 90ern "X-Large", aus denen Arabella Kiesbauer, Christian Clerici oder Mirjam Unger hervorgegangen sind. Hier wurden wenigstens noch ansatzweise Szenen und Subkulturen abgebildet. Heute verzichtet das staatliche Fernsehen komplett auf beides und holt sich seine "Talente" von den Privaten (sic!).

Der Pool, dem man sich noch bedienen kann, ist Radio. Und hier schließt sich der Kreis: FM4 ist das Biotop, dass einerseits zur letzten verbliebenen Fata Morgana der heimischen Szene zu werden droht, andererseits auch Sprecher (Claudia Unterweger, Mari Lang) vor die Kamera zu schubsen imstande ist.

Ganz ohne Ironie kenne ich justament im gelb-schwarz gefärbelten vierten Stock des Funkhauses verschiedenste Quellen, die Vorschläge für Sendungen für ORF III eingebracht hätten. Die einfachsten davon liegen auf der Hand: FM4 Studio 2 Sessions und Radio Sessions werden seit langem mitgefilmt, das Material harrt seiner Verwertung jenseits des Webstreams. Sie wurden alle ausnahmslos abgelehnt, und triftige Gründe dafür gibt es so viele wie Jugendkultursendungen im Fernsehen.

Nun könnte man meinen, derlei Beschwerderufe wären ein "Indieversum"-Phänomen, aber mitnichten. Zuletzt sendete ORF 1 spätnachts Folge 11 von "Weltberühmt in Österreich" - immerhin. Rudi Dolezal hatte nach dem Erfolg der 10 Austropop-Folgen (bis 2008) eine Fortsetzung mit dem Übertitel "Die Wachablöse?" gestaltet und einen wilden Ritt durch das gegenwärtige Treiben (von Trackshittaz über 5/8erl in Ehren bis Ja, Panik) für 140.000 spätnächtliche Zuseher gestaltet.

Er, Dolezal, dürfte über den Verdacht, ein Indie-Nerd zu sein, erhaben sein. Und doch anerkennt er eine ungemein vitale Szene wie nie zuvor, fordert anlässlich der Sendung lautstark und an allen Orten regelmäßigere Sendezeit und eine verstärkte, den Realitäten entsprechende Abbildung der Szenen ein. Als Grammy-Preisträger, Queen- und Falco-Freund verhallt seine Stimme aber ebenso ungehört wie meine. Könnte beruhigend sein, ist es aber nicht.

Passieren tut nichts, außer dass der ORF entgegen seines selbst definierten Interesses erst Recht Zuseher verlieren (oder erst gar nicht erreichen) wird. Wohl auch weil die Werte, die eine Berichterstattung über diese "Suppe" Subkultur bringen würde, vielerorts fehlen. Authentizität, Nachhaltigkeit, Lokalkolorit, Glaubwürdigkeit; vor allem aber: ein bewusstes Statement gegen die Volksverblödung á la "Saturday Night Fever" zu setzen, einen bewussten Gegenpol zu Katzinger und Bohlen, Lugner- und Dschungelcamp zu kreieren, ein bewusstes Schaffen von Mehrwert und "Public Value" zur Kernaufgabe zu machen - selbst wenn es zum Preis ist, nur 30 statt 40% Einschaltquote zu erreichen.

Was uns bleibt, ist der lakonische Kommentar eines Kollegen: Der meinte, ORF III bedeute eben nicht "drei", sondern "iii" - und drückt also den Ekel des Fernsehpublikums gegenüber hochkulturellem Programm per se aus. Hat er Recht, oder besteht doch noch Hoffnung? Und lohnt es sich, selbige nicht aufzugeben oder müssen wir dafür den Küniglberg stürmen?

Montag, 11. Juli 2011

Der langsame Tod.

Seit nun schon mehr als zehn Jahren wird der Tod der Musikindustrie beschworen, und doch ist sie immer noch quicklebendig. Bloß die Rollen, Mitspieler und Profiteure haben sich geändert. Seit jeher ist der wirtschaftliche Erfolg von und mit Musik kaum eine Frage von guten oder schlechten Songs, sondern von Technologie gewesen. Das hat in der letzten Dekade immerhin auch zur "Demokratisierung" der Gestaltung und Verfügbarkeit von Musik geführt.

Mittlerweile bewegen wir uns vom „Besitz“ von Musik völlig weg, selbst der iPod ist praktisch schon wieder Geschichte. Die neuen Schlagzeilen gehören dem Streaming - Musik immer und überall verfügbar, in der „Wolke“. Die Entwicklung ist nicht nur logisch, sondern aus Konsumentensicht ungemein angenehm. Unlimitierter Zugang zu einer universellen Musikdatenbank mit allen möglichen Titeln - das bringt Musik endgültig auf eine Stufe mit Wasser, auf den Weg zum allzeit verfügbaren Gemeingut.

So ganz nebenbei gelingt dabei der Coup, dass die „Illegalität“ teils radikal entsorgt wird – denn die beliebtesten Streamingdienste sind (zumeist) legal und führen Gebühren ab (zumindest tun dies simfy, last.fm und spotify) - das verführt viele dazu, in diesen Diensten die Rettung der Musikindustrie zu sehen.

Weil die Judikatur der Realität aber überall hinterhinkt, Gesetzgeber zu langsam und bestehende Rechteinhaber schlichtweg zu blöd und eigensinnig sind, wird es hier für viele Anbieter kompliziert. Daher sind Dienste wie spotify oder turntable.fm nicht überall (auch nicht in Österreich) erhältlich (ebenso wenig wie die großartigen Filmdienste Netflix oder Hulu, tolle, legale Alternativen zum Download ganzer TV-Serien-Staffeln).

Was außerdem bei aller Romantik dieses ultimativ letzten Schrittes zur totalen Demokratisierung jedoch noch fehlt, ist ein Blick auf die andere Seite – die der Künstler und Kreativen, und damit auch der sprichwörtlichen wirtschaftlichen Seite der Musik.

Das Beispiel Apple zeigt, dass Musik lediglich ein Vehikel ist – oder glaubt ernsthaft jemand, Steve Jobs geht es um Musik? Warum also sollte das bei den Erfindern von spotify etc. anders sein? Was erfolgreiche Technologiebetriebe seit jeher bestens verstehen, ist, andere den Preis zahlen zu lassen – und wer würde sich besser dafür eignen, als das ohnehin schon halb geschlachtete Vieh Musikindustrie? Das ist die Rettung? Mit diabolischem Grinsen und dem Metzgermesser in der Hand?

Dem ist ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel hinzuzufügen: Im Monat Juni wurden 8.598mal Tracks aus unserem Labelrepertoire von Ja, Panik auf last.fm abgespielt (Streams). Bei einer angenommenen Durchschnittsdauer von 3 Minuten pro Song ergäbe das knapp 18 Tage durchgehende Musik. Eine Menge? Das wirtschaftliche Ergebnis davon sind sagenhafte 1,06 Euro – insgesamt, wohlgemerkt.

Bei allem Respekt vor Kosten für Entwicklung und Instandhaltung eines Systems wie last.fm, bei allem Respekt vor der Zugänglichkeit zu freien Datenbanken für den Konsumenten – das kann sich so nicht ausgehen. Diese berühmt gewordene Grafik veranschaulicht das Problem: http://www.informationisbeautiful.net/2010/how-much-do-music-artists-earn-online/

Wenn das die Rettung ist, überfährt sie mit ihrem Wagen die Industrie samt den Kreativen mit Blaulicht und Karacho. Spielen wir´s durch: Wer last.fm benutzt, kann auch prächtig Statistiken aufrufen, wie oft er beispielsweise seine Lieblingssongs hört. Seht nach! Selbst Titel, die man oft und gerne hört, werden kaum mehr als 30-50 Plays im Lauf der Zeit generieren. Nehmen wir den iTunes-Wert von 1 Euro pro Titel als Referenzwert für „Eigentum“ her, wäre jeder einzelne Play also 2-3 Cent wert.

Dass der Stream nicht den „Wert“ des Eigentums hat, ist klar. Die Vielfalt und Verfügbarkeit senkt den Wert des einzelnen Titels weiter, auch klar. Gingen wir also von bloß 0,005 Euro (einem halben Cent) pro Titel aus - also ein Sechstel des errechneten Kaufwertes - hätte unsere Labelabrechnung in obigem Beispiel bereits 43 Euro ausgewiesen – immerhin. Anstelle eines verkauften Titels um 99 Cent hätte ein einzelner Kunde zirka 20 Cent im Lauf der Zeit für das Immer-wieder-Hören eines Songs bezahlt – guter Deal, right?

Hört er insgesamt sehr intensiv Musik, sagen wir 3h durchschnittlich pro Tag, käme er mit dieser Preisgestaltung auf Kosten von 9 Euro pro Monat – klingt leistbar, oder? Bloß. Wir reden aktuell von einem winzigsten Bruchteil, einem dreiundvierzigstel davon. Unser Digitalvertrieb hat seine Abrechnung mittlerweile auf acht Stellen hinter dem Komma (!) umgestellt, um die Auszahlungsbeträge von spotify und last.fm überhaupt darstellen zu können.

Ok, der Paradigmenwechsel von Eigentum auf Leihe kennt wie alles andere, das sich ändert, Gewinner und Verlierer. Es erscheint mir allerdings auf Dauer etwas langweilig, als Vertreter der Kreativen immer auf der Seite der Verlierer stehen zu müssen. Noch dazu, wo mir die Gewinner gleichzeitig sagen, sie hätten mich gerade gerettet. 

Solange sich die 10- bis 20-Euro-Monatspauschalen der Dienste noch nicht als breit akzeptiertes, gutes Angebot beim Konsumenten durchgesetzt haben, ist nichts verloren und nichts zu gewinnen. Sollte die Musikseite als Content-Provider aber wieder einmal verschlafen, worum es hier geht, könnte dies die letzte Stunde für die „Wirtschaft“ in "Musikwirtschaft" eingeläutet haben. Bei aller Demokratisierung bliebe dann nicht mehr recht viel übrig von der vielen potentiell geschaffenen Musik - weil sie niemand mehr zu vermarkten und verbreiten imstande ist.

Liebe Streaming-Dienste: Ich find euch klasse, aber wir müssen dringend an einem fairen Deal arbeiten. 

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Montag, 4. Juli 2011

Transferzeit.

Das Musikgeschäft ist ein dreckiges Geschäft. Diese Erkenntnis ist wenig neu und wenig überraschend, immerhin gilt diese Faustregel für praktisch eh alles, was wirklich ein Geschäft ist. Beispiele für diese These gäbe es tonnenweise, ich widme mich heute einmal dem Treiben im Konzertvermittlungsgeschäft ("Booking") - samt auftauchenden Parallelen mit dem runden Leder.

Heute lese ich im Standard über zunehmendes Bewusstsein und steigende Ausgaben von großen Unternehmen im Bereich "Ethik und Compliance". Das klingt schön und modern und wird im Karriereteil der Qualitätszeitungen als nächster "Trend" nach CSR (Corporate Social Responsibility) gewichtet. Im ersten Reflex habe ich mich dabei gefragt, warum denn das eigentlich notwendig sein sollte - beziehungsweise dass es fast ein bisschen traurig ist, es für notwendig zu halten. Ein moralisches Regelwerk für das Verhalten in der Firma? Ts - sollte doch selbstverständlich sein. Bei genauerem Hinsehen ist es natürlich notwendig, ethische Standards für das eigene Unternehmen, die eigene Branche zu definieren. Die Frage bleibt natürlich, wo und ob ein solches nicht ein ebensolches PR-Feigenblatt ist wie viele andere Lippenbekenntnisse aus diversen Corporate Identity-Seminaren.

In der Musik ist Ethik sowieso ein doppelbödiges Thema. Das gilt für die Ausübenden fast ebenso wie für das Publikum. Dort gilt die böse Faustregel: Wer am lautesten etwa nach "Toleranz" schreit, wird am öftesten dabei ertappt, selbst intolerant zu sein. Mit der Moral einher gehen Begriffe wie Loyalität und Unabhängigkeit, "Indie".

Nur, was ist denn bitteschön "Indie"? Der Begriff hatte ursprünglich etwas Auflehnendes an sich, wurde aber genauso wie "Punk" und "Alternative" von einer Einstellungsfrage zu einem hippen Modebegriff zu einem Schimpfwort. Jetzt bin ich nicht der Gralshüter der "Unabhängigen", aber die ursprünglichen Werte, die der Begriff im Wortstamm hat, sind bereits sehr verdünnt worden. Wie bei den verwandten Begriffen hat der Markt, der Kapitalismus, das "Business" den Begriff vereinnahmt, ausgehöhlt, aufgekauft und entwertet - so ist der Lauf der Dinge, bedeutet schließlich auch, er hat sich ganz gut verkaufen lassen. Widerspricht oder begünstigt das einander? Bildet man Werte im Großen wie im Kleinen letztlich auch nur, um sie zu verkaufen, wenn man kann?

Dazu eine Beispiel, wie es in der Musikwelt täglich passiert. "Abwerbungen" gehören (ähnlich wie im Fußball) zum schwierigsten und dreckigsten Teil des Geschäftes. Geschlossene Verträge können binnen Minuten ihre Gültigkeit verlieren, wenn das gegenüberliegende Angebot nur attraktiv genug ist. Das Wechseln in eine andere Booking-Agentur kann für einen Künstler vieles bedeuten: Mehr Auftritte, mehr Geld, größere Konkurrenz, mehr Entfaltungsmöglichkeiten, mehr Druck, größeres Risiko zu Scheitern - alles hat seine Pro und Contras, auch und gerade hier.

Auf der einen Seite steht jedoch gerade in der Musik oft jemand, der viel Zeit, Know-How, Geld und Herzblut in ein Projekt gesteckt hat. Auf der anderen Seite steht der vermeintlich große Macher, der das Projekt auf die nächste Stufe heben kann. Nicht immer sind solche Entscheidungen falsch oder verwerflich, oft sind sie auch gut begründet. Böse wird es, wenn "kalt" abgeworben wird - zwischen den Beteiligten wird verhöhnt, angeschwärzt, geschimpft, gefordert, erpresst und geschmiert. Die Gründe dafür sind mannigfaltig - doch auf welcher Seite auch immer, einer der Gründe wird weit hervorragen.

In gefühlten 95% der Fälle ist wenig überraschend Geld das ausschlaggebende "Argument". Triebmittel für Intrigen einerseits (die Agentur), Aussicht auf "mehr" andererseits (der Künstler). Auch wenn die Entscheidung letztlich gegen jene fällt, die der Band eigentlich gar nicht so unsympathisch sind; die vielleicht gar nicht so schlecht gearbeitet haben - oder sogar einen ganz wesentlichen Beitrag zum Aufbau des Künstlers in (s)einem Territorium geleistet haben.

Gerade in diesen Momenten empfindet man diese Vorgehensweise als besonders ungerecht. Und der vorgefertigte Satz zur Kündigung eines freundschaftlich gewachsenen Verhältnisses lautet dann in etwa: "I like you, and i really appreciate what you did for the band - but this is a business decision." Wer aufgepasst hat, merkt: Der Satz trägt zwischen den Zeilen die Botschaft inne, dass das Business keine Freundschaft kennt, Regeln des Anstands ausgeschaltet sind und die Sprache universal Zeichen wie € oder $ trägt.

Das ganze potenziert sich, wenn es um den internationalen Marktvergleich geht - und auch hier passt die Parallele zum Fußball. Es gibt Legionäre, die sich im Ausland bessere Entwicklungsmöglichkeiten erwarten. Manche setzen sich durch, andere scheitern; Weggehen aber ist fast Pflicht, weil der hiesige Markt für eine internationale Karriere weder lukrativ noch attraktiv genug ist. Und die Ausländer, die nach Österreich kommen, gehen natürlich zum Budgetkrösus, denn wer legt schon Wert auf das passende soziale Umfeld, auf Wohlfühlambiente, vielleicht sowas wie Service; wenn woanders die Börse einfach mehr stimmt?

Natürlich ist niemand davor gefeit, auch selbst einmal auf der "bösen" Seite zu stehen. Und genau da geht es dann wieder um die eingangs thematisierte Moral. Beißt man in den Apfel, nur weil er rot und saftig ist, obwohl einem die Schlange sagt, es wäre gar nicht so klug? Nimmt man Verletzungen ungeschriebener (sic!) Regeln und gar freundschaftlicher Beziehungen in Kauf, um sich einen (vermeintlichen wirtschaftlichen) Vorteil zu verschaffen?

Geben sie die Antwort selbst und beginnen sie ihr unternehmenseigenes Ethik & Compliance-Papier zu schreiben.

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Sonntag, 12. Juni 2011

Angekommen.

Diese Woche sah im Schnelldurchlauf rekapituliert so aus: Die Wiener Kreativwirtschaftsagentur departure hat ihr White Paper für den Focus : Musik - Call "Neue Töne der Musikwirtschaft" präsentiert. Der als Selbsthilfeorganisation für hiesige Labels gegründete Verein AMAN hat sich aufgelöst. Die Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung geben einen Blick auf den Status Quo. Die Erkenntnis der Woche lautet: Wien ist angekommen - denn die Quersumme dieser Ereignisse lautet: Musik ist endgültig ein Fördergeschäft geworden.

1 departure
Die Stadt Wien vergibt bis 3. Oktober an innovative und kreative Zugänge zur Musik(wirtschaft) insgesamt 800.000 Euro über ihre Kreativwirtschaftsagentur departure. Keiner der bisherigen Schwerpunktcalls sei so akribisch vorbereitet worden, heißt es dort. Notwendigerweise, denn es scheint bei allen Lockmitteln kaum in einem Segment schwieriger, die Leute zur Suche nach dem heiligen Gral zu motivieren. Und die Frage ist, ob es ihn überhaupt gibt.

Das White Paper von Peter Tschmuck und einer Reihe von Gastautoren aus Szenen und Wissenschaft ist ein interessantes Zeitdokument geworden. Für ständige Branchenbeobachter mag es wenig wirklich Neues oder gar Bahnbrechendes mit sich bringen, aber es ist eine Bestandsaufnahme als wichtiger Ausgangspunkt für potentielle Zukunftsprojekte.

Die Jury ist hochkarätig mit Branchenkalibern wie Mark Chung und Dieter Gorny besetzt. Es wird interessant zu sehen sein, welche Projekte eingereicht und gefördert werden.

Dennoch wurde nur Stunden nach der Präsentation ein erstes Rumoren durch die Granden der angesprochnen Musikwirtschaft laut. Denn der Innovations- und Technologieschwerpunkt, den departure auf seinen Fahnen heften hat, ist natürlich auch noch in diesem Konzept tief und fest verankert. Und diese Grundregeln widersprechen der insgeheimen Hoffnung, der Musikproduktionsstandort Wien könnte eine direkte Aufwertung erfahren. Viel eher würden naiv Hoffnungen auf einen neuen iPod oder ein neues Spotify genährt. Aber: Die Musikwirtschaft ist vielfältig und die Sonys und Universals von gestern sind nunmal die Apples und Googles von heute.

Das Label, der Künstler, der Verlag als "Content Provider" passt nur sehr schwer direkt in dieses Fördermuster, dazu bedarf es cleverer Konzepte und mutiger Ideen. Nachdenken ist angesagt.


2.1. AMAN
Mit AMAN gab es in den letzten fünf Jahren eine Initiative, die dem eher hinterwäldlerisch strukturierten Markt hierzulande wenigstens sowas wie ein Exportgesicht gegeben hat. Jedes westeuropäische Land von Rang leistet sich ein eigenes, gut dotiertes Büro für solche Zwecke - nicht Österreich, hier schritt man 2006 daher zur Selbsthilfe.

Nach einem kapitalen Horrorcrash in jungen Jahren ist das "Austrian Music Ambassador Network" in den letzten zwei, drei Jahren zu einer effizienten, unkomplizierten und gescheiten Hilfsorganisation für Labels geworden - aber chronisch unterdotiert, um tatsächlich Berge zu versetzen. Trotz des Booms großartiger Indie-Produktionen aus Österreich ist daher nicht ganz so viel nach außen gedrungen, wie vielleicht möglich gewesen wäre. Der Fortschritt war dennoch enorm (und würde den Rahmen hier sprengen).

Denn die etablierten Förderstrukturen in anderen Ländern verschaffen den Musikschaffenden und ihren Verwertungsarmen (Verlage, Labels, Managements, Agenturen) Trittbretter für einen verstärkten Austausch, enger verzweigte Netzwerke, bessere Präsentationsmöglichkeiten - kurzum einen Wettbewerbsvorsprung. AMAN hat Österreich hier zumindest mit auf die Landkarte gesetzt.

2.2 Der Österreichische Musikfonds
Diese Woche wurde AMAN bei der Generalversammlung aufgelöst. Hintergrund ist eine de-facto-Eingliederung in den Österreichischen Musikfonds (OMF). Der ist binnen kürzester Zeit zu einer etablierten Fördereinrichtung geworden, dabei ist er ebenso eine Hilfskonstruktion, die aber irgendwie eh auch funktioniert - willkommen in Österreich.

Man hat mit (eigentlich verhältnismäßig geringen) Geldern des Kulturministeriums, der Verwertungsgesellschaften und diverser Verbände vor sechs Jahren ein durchaus wegweisendes Projekt gestartet und dabei in Kauf genommen, einen heikeln Slalom durch gesetzliche Rahmenbedingungen, lobbyistische Interessen und "Marktnotwendigkeiten" zu fahren.

Der Erfolg gibt dem OMF Recht, doch wissen die Macher selbst, dass das Projekt weder perfekt noch abgeschlossen ist. Im Grunde ist er bis dato nichts anderes als eine Tonstudioförderung. Theoretisch hätten U2 in einem steirischen Tonstudio Alben produzieren und fördern lassen können, sich die Studios und Techniker darauf aufbauend einen Namen machen können - aber das weder Absicht hinter dem Projekt noch ist es passiert.

Das kann man als Fehlgriff der Konstruktion bezeichnen - oder als bewussten Kollateralschaden zugunsten des eigentlichen Zweckes, hiesigen Kreativen den ersten Schritt (professionelle Produktionsbedingungen) zu erleichtern. Und was hat das gebracht? Zunächst hat es das dringend notwendig gewesene Bewusstsein für Kosten bzw Wert der eigenen Leistung etabliert - ein Schritt in der Bedeutungsstufe "Lesen lernen".

Da der (gesetzliche) Rahmen keine Verwertungsförderung (Promotionmaßnahmen, Export) zugelassen hat, setzte man damit aber (bewusst/erst einmal) einen Anfang. Mit der Eingliederung von AMAN geht man nun einen durchaus offensiven Schritt in Richtung Volldienstleistungsstelle, die Projekte nicht nur im Produktionsprozess fördert und begleitet, sondern weit darüber hinaus etwas zu bewegen imstande sein sollte. Der Weg ist noch weit, die Schritte aber werden langsam größer.

3 Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung
Zurück zu Peter Tschmuck, dem die Stadt die Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung zu verdanken hat. Er lud zum wiederholten Male internationale Gäste aus dem forschenden und praktischen Umfeld ein, um über Entwicklungen in der Musikwirtschaft zu diskutieren. Tschmuck ist der einzige, der sich auf universitärer/wissenschaftlicher Ebene ernsthaft und unnachgiebig mit der Thematik auseinandersetzt, sein sehr ausführlicher Blog ist regelmäßige Pflichtlektüre.

Und wiewohl manche der gelieferten Vorträge und Erkenntnisse bei der Konferenz aus der Branchenperspektive heraus etwas gar steif und banal wirken: Manchmal ist es gerade diese Quasi-Außensicht, die zum Nachdenken anregt. Reflexion ist auch und gerade in einer seit Jahren im Umbruch steckenden Industrie eine Grundzutat für Fortschritt und Innovation. Wo wir wieder beim Anfang wären.

In diesem Sinne: Faites vos jeux, mesdames et messieurs.

Montag, 6. Juni 2011

Das bessere Popfest.

Das letzte Wochenende bescherte mir eine Reise nach Dänemark. Seit einigen Jahren hegen und pflegen wir eine Partnerschaft mit dem Spot Festival in Aarhus. Es ist so etwas wie das dänische Pendant zum Popfest, nur schon alteingesessener (seit 17 Jahren) und dementsprechend voraus; besser, strukturierter, durchfinanzierter, durchdachter. Also in etwa so wie der deutsche Fußball im Vergleich zum österreichischen. Bei diesem Festival spielen hauptsächlich dänische Künstler auf, darüber hinaus eine Handvoll skandinavischer Größen und noch ein paar solche, die mit dänischen Künstlern gemeinsames Programm machen (heuer etwa Ginga, die mächtig Eindruck machen durften).

Hinter dem Spot Festival stecken mehrere dänische Initiativen, allen voran das dortige Musikexportbüro MXD. Man begnügt sich aber nicht damit, die Staatlichkeit in die Verantwortung zu nehmen, man hat auch das "Rock Council" ROSA als Co-Veranstalter, wo wiederum auch maßgebliche Labels, Veranstalter (unter anderem das kräftig dafür mitzahlende Roskilde Festival!) mitreden dürfen und sollen. Ihnen allen ist gemein, dass sie erkannt haben, welchen Wert das "lokale Produkt" und seine Vielfalt auch für sie selbst hat und haben kann. Sie haben es in den letzten Jahren geschafft, den Stellenwert von dänischer Musik zunächst im Land selbst so zu steigern, dass verhältnismäßig viele Acts tatsächlich große Hallen füllen und Festivals headlinen.

Nicht nur das ist bis ins Details bei uns nur sehr schwer vorstellbar. Der nächste Schritt führte die Dänen nämlich ins Ausland. Mit einer cleveren "Pull"- statt "Push"-Strategie binden sie Partner (wie uns) aktiv ein. Die Wiener "Spot on Denmark"-Minifestivals einmal im Jahr setzen sich so nicht etwa aus etwaigen "Exportprioritäten" dänischer Labels zusammen, sondern aus den Wunschlisten, respektive "Wahlergebnissen" einer österreichischen Jury.

Der Eindruck, den die geladenen Juroren von FM4, gotv, Die Presse, TBA, AMAN und ink music bekommen haben, ist freilich phänomenal: In vollen und nicht zu kleinen Hallen am Heimmarkt etablierte Künstler vor heimischen Publikum umjubelt sehen ist allemal besser als bloß vor großteils uninteressierten Branchenheinis "showcasen". Man castet die Bands "on home soil" und beurteilt, ob sie auch im österreichischen Markt bestehen könnten. Und wer könnte das besser beurteilen als die Medien, die für dieses Bild sorgen können?

Diese Idee ist nur eine in einer Vielzahl von kleinen und cleveren Programmen, die sich die Dänen ausgedacht haben, um ihre Musik besser über die Grenzen zu bringen. Der Erfolg spricht für sich, das mit Österreich durchaus vergleichbare Land ist vergleichsweise "hip" und hat unter internationalen Branchenleuten einen hohen Stellen- und Anerkennungswert. Der Payback ist nicht nur primär ökonomisch, sondern auch im Image spürbar. Hier wird "gesamtheitlich" gedacht und es macht Sinn.

Natürlich ist es leicht zu sagen "woanders ist es besser". Man könnte sich freilich auch ein gutes Beispiel daran nehmen und besagtes Popfest als optimalen Ausgangspunkt für Verbesserungen zu nehmen. Mit dem Karlsplatz hat man ja schon den eigentlich optimalen Platz zur Verfügung. Der größte Vorteil am Spot ist nämlich wohl jener einer fantastischen Location-Infrastruktur. Binnen weniger Meter "fällt" man regelrecht von einer Konzertstation in die andere, trifft sich so trotz viel Bewegung rasch und immer wieder. Selbst wenn Aarhus eher mit Graz als mit Wien vergleichbar wäre (in Größe und innerländischer Bedeutung) könnte dies auch der Karlsplatz mit brut, TU, Wien Museum, Secession, Club U, Novomatic Forum, Klub Ost, Akademietheater und weiteren Schauplätzen bieten.

Die programmatische Gleichzeitigkeit an drei, fünf, acht Schauplätzen zu spielen würde den Besucherstrom auch anders leiten können als nur zentral vor den Teich. Was wiederum kleinere Besuchermengen bei jeder Bühne zur Folge hätte, aber damit auch die Konzentration auf das Programm erleichtert und einen Schritt weit weg vom bereits einsetzenden "Eventtourismus" geht (der kann am Platz ja trotzdem stattfinden, nur weniger stark in Reihe 1 eines Konzertes).

Und: Das offenkundig größte Problem, nämlich Lärm, wird dadurch auch weniger: Man MUSS nicht mehr für 10.000 Leute auf einem zu eng werdenden Platz beschallen, wenn sich diese auf 8 Lokalitäten verteilen. Vielleicht schaut man sich sogar noch was vom Spot ab und stellt auf dem Karlsplatz das eine oder andere größere Zelt auf - das böte zusätzlich zum Lärm- auch noch potentiellen Wetterschutz.

Die logistische Herausforderung ist dafür natürlich eine gewaltige, aber hier kann mit recht kleinen Schritten durchaus viel erreicht werden. Weiters ist der nächste nur logisch: Das Einladen und Einbinden von gezielt ausgewähltem internationalem (Fach-)Publikum und Journalisten. Denn der positive Bounceback des Spot ist natürlich auch darauf zurückzuführen, dass eine Unmenge an internationalen Gästen den Ruf des Festivals, der Stadt, der Organisation und der guten Musik in die Welt hinausträgt - mit ein Hauptgrund für die Veranstaltung überhaupt.

Die illustre Liste an (gar nicht sooo vielen, aber dafür wie gesagt gezielt geladenen) Gästen ist auch für nationale Branchenvertreter höchst interessant und wichtig. Einerseits wurden wir österreichischen Gäste von den dänischen Vertretern neugierig ausgefragt und regelrecht "bestürmt". Andererseits treffen auch wir dort plötzlich auf Menschen, zu denen Kontakt zu finden sonst gar nicht so einfach wäre. Ein Kaffee mit Pitchfork da, ein Bier mit Friendly Fire Records dort, ein Handshake mit Matador und ein Foto mit Clash  - der Austausch funktioniert prächtig und bringt alle Beteiligten ein paar Schritte weiter.

Gleichzeitig unterstützt dies den berühmten "Propheteneffekt" - ein Umwegfaktor, der beim Popfest noch fehlt. Die Dänen bestätigen uns immer wieder die Wichtigkeit davon:  wie sehr eine Nominierung in Österreich, selbst in diesem kleinen "unwichtigen" Musikindustrieland, auf Dänemark zurückwirkt. Hat eine Band etwas im Ausland geschafft, wird auch lokal gleich doppelt so genau hingehört, doppelt so gut aufgepasst wie zuvor. Hierzulande wird - noch! - nur zufrieden in der eigenen Suppe gekocht.

Ich hatte davon berichtet, dass es mir aufgrund der eher dezenten Ausstattung für Licht und Ton fast ein wenig peinlich war, das Festival und die auftretenden Bands vor den Augen der (einzigen geladenen ausländischen) Vertreterin des Iceland Airwaves Festivals in den Himmel zu loben. Das transkontinentale Musikzusammentreffen in Reykjavik zählt mit zu den hippsten, wichtigsten und wegweisensten "Entdeckerfestivals" auf dem Planeten, insbesondere wenn es um den Brückenschlag in den amerikanischen Markt geht. Francis International Airport und Trouble Over Tokyo haben am Popfest dennoch mächtig Eindruck gemacht, mit der geäußerten Einschränkung "I wish I could hear what they say".

Diese Eindrücke sind alles - und sie fallen natürlich auf das Fest, die Stadt und die Musikindustrie hier zurück, bewusst oder unbewusst. Das Ambiente am Karlsplatz, die Stadt selbst, sie bieten wunderbare Voraussetzungen dafür, jetzt müsste man sich nur noch ein bisschen mehr daraus machen trauen. Frei nach Skero: Gehtscho gemma Voigas!

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Montag, 23. Mai 2011

Das Spiegelbild in Hütteldorf.

Was Fußball mit Erdbeben und HC Strache gemeinsam haben kann - oder: Wie das Wiener Derby Österreich die grässliche Seite seines Spiegelbildes zeigt.

Nach dem Derby-Platzsturm in Hütteldorf hat Roman Mählich Österreich völlig zurecht in die geographische Nord-Süd-Verbindung Polen, Tschechiens und Länder Ex-Jugoslawiens gestellt - wo Hooliganismus größtenteils traurige Traditionen pflegen (können). "Westblock ist Ostblock" sozusagen. Alle waren schockiert, manche (Steffen Hofmann!) beeindruckend verängstigt, und es herrschte Einigkeit das "etwas getan" werden müsse.

Jetzt ist es wohl mindestens so notwendig wie billig, ausgerechnet das Derby und den generierten emotionalen Schockmoment als Anlass zu nehmen, alles eh schon gewusst zu haben. Nur: Die Aufschreie nach dem Fall Weimann (der blutjunge frühere Rapid-Kicker wurde bei seinem Gastspiel mit Aston Villa verletzt vom Feld getragen und auf der Trage liegend aus dem Westblock mit Gegenständen beworfen) waren etwa ebenso wenig laut genug wie die Konsequenzen daraus hart genug. Die rechtsradikalen Vorfälle bei der Wiener Austria (die gestern richtigerweise nicht auf Rapid mit dem Finger gezeigt hat, sondern das Problem als eines des gesamten Fußballs erkannt hat) waren vielleicht beherzt, aber auch noch bei weitem zu wenig ernst. Erst ein Live-TV-Spiel hat den Schockmoment in die Hirne der so lernresistenten Öffentlichkeit gebracht. Schauen wir mal, wie lang der Moment anhält.

Ich möchte hier aber nicht die Floskeln einer dummen Minderheit oder stupiden Radaumachern benutzen, sondern der Sache aus einem anderen Blickwinkel auf den Grund gehen - nämlich jenem der gesamtgesellschaftlichen Relevanz des Ereignisses und den dazugehörigen Hintergründen. Andy Marek, die "gute Seele" Rapids, hat von "frustrierten jungen Leuten" gesprochen - und er mag Recht haben.

Mit Frust ist es ja ein bisschen wie mit einem Erdbeben. Er sammelt sich an, wird mit oft kleinen Ereignissen gefährlich groß, um sich dann irgendwann völlig unkontrolliert zu entladen, vielleicht sogar einen Tsunami zu erzeugen. Nur ist der Misserfolg (s)einer Fußballmannschaft kein Grund für 9.0-Beben. Rapid ist auch nicht zum ersten Mal mit einem europacup- und titellosen Jahr konfrontiert.

Dahinter stecken soziale Probleme, vielleicht Dinge wie seinerzeit bei den Banlieu-Unruhen in Frankreich: Arbeitslosigkeit, Perspektivenlosigkeit, Fadesse, das Gefühl nichts zu sagen zu haben oder nichts mehr zur Verbesserung der eigenen Situation beitragen zu können, Verzweiflung. Fußball spielt hier als Ventil eine Nebenrolle. Was aber, wenn sich die alltäglichen Probleme im geliebten Sport repetieren? All das wiederum sind nicht nur Einzelprobleme, es sind auch welche der Gesellschaft, es sind welche von politischer Dimension, es sind die gleichen Hintergründe. 

Gleichzeitig sind es diese Probleme, die man im Gegensatz zu einzelnen Personen nicht aus dem Stadion aussperren kann. Womit wir erkennen müssen, dass es sich um eine Fragestellung handelt, die weit über den Fußball hinausgeht. Hinzu kommt im Stadion das berühmte "Starksein in der Gruppe". Bricht einer durch den Zaun, folgen ihm viele. Schreit einer "Tod und Hass", schreien andere mit. In der Gruppe passiert einem ja nichts.

Eine überwiegende Mehrzahl der Platzstürmer hätte sich wohl nicht als erste aufs Feld zu laufen trauen, als Mitläufer waren sie sich aber nicht zu schade. Man möge mir den etwas weit gespannten Bogen nachsehen, aber: Hallo Heldenplatz 1938. Hallo nie korrigierte "Opferrolle". Hallo nie aufgearbeitete Täterrolle. Hallo mangelnde Aufklärung und Bildung. Hallo "wird scho passen". Hallo "is ja alles net so schlimm". Hallo "der will ja nur spielen". Hallo Herr Dritter Nationalratspräsident weil es halt der drittstärksten Partei zusteht. Hallo NS-Verharmlosung. Hallo "wos wor mei Leistung".

Hallo Österreich, du Land der Kavaliersdelikte und Gesetzesaushöhlungen; du Land der kleinen Gefälligkeiten unter Freunden und des Tolerierens von Regelverstößen. Kapierst du nicht langsam, dass du Biedermann im Haus der Brandstifter bist? (Sorry Blumenau für das Ausborgen des allzu treffenden Vergleiches).

Wenn HC Strache demnächst als stimmenstärkster Kandidat aus den Nationalratswahlen hervorgeht, wird der Schock ähnlich groß sein wie beim Derby. Und es werden genauso alle eh vorher gewusst haben. Es werden genausolche Reaktionen zu hören sein - Grundtenor: "Wir haben schon gewusst, dass da ein paar Wahnsinnige dabei sind, aber DAMIT hätten wir nie und nimmer gerechnet."

Die Politik hätte Zeit genug (gehabt), etwas zu tun - genauso wie Rapid, die Austria und alle anderen Vereine mit großen Fanblöcken. Alle begnügen sich aber mit dem Zusehen, weil es schwierig und hart ist, durchzugreifen; weil es Opfer verlangt, weil Populismus gemütlicher ist, schneller geht und mehr zählt als aktive Maßnahmen. Die würden zwar eventuell helfen, aber sie täten möglicherweise jemandem weh. Und in Österreich geht man dann doch lieber den einfacheren Weg oder jenen des schalen Kompromisses, der "österreichischen Lösung".

Es ist zum Kotzen.

Meine größte Hoffnung ist, dass sich das Land im Spiegel wenigstens erkannt hat, den der Fernseher da gestern aufgestellt hat. Dann hätte dieser Irrsinn wenigstens etwas bewirkt.

Montag, 9. Mai 2011

Das Volksfest und sein Schatten.

Das Popfest Wien ist zu Ende und hat in seiner zweiten Auflage vieles gezeigt und so manches - auch Vorurteile - bestätigt. Ein versuchtes erstes Resümee.

Wien wie es singt und lacht, wie es leibt und lebt: Das Popfest lässt einen eigentlich mit einem glücklichen Gesamteindruck nachhause gehen. Die Stadt hat eine (nun auch endlich deutlich sichtbar gemachte) Musikszene zu bieten, kann in großem, würdigen Rahmen äußerst beschwingt und friedlich miteinander feiern und bietet dafür sogar gutes Wetter. Nach zwei höchst erfolgreichen Ausgaben kann man das Fest als grundsätzlich gut angenommen einordnen. Der riesige Karlsplatz mitten in der Stadt ist ein würdiger, toller Rahmen. Soviel zur Oberfläche.

In meiner selbstgewählten Rolle als personifizierter Jammerlappen und Beschwerdeführer kann ich aber nicht daran vorbei, den Chor der Begeisterten ein wenig mit Kritik zu versetzen - trotzdem und vor allem weil ich das Popfest schon im Vorfeld als so wichtig und wertvoll beschrieben habe.

Zuallererst hat sich das Fest zu einem Volksfest ausgewachsen - mit all seinen Vor- und Nachteilen. Die schiere Menge an Besuchern verleitet zu Superlativen. Viele sind aber schon heuer wegen des "Happenings" da gewesen, weniger wegen der Musik oder einer konkreten Band - maximal ein Kollateralschaden. Das hat alles seinen Sinn, tut der Relevanz kaum einen Abbruch, zumal hauptsächlich in der klugen Kommunikationspolitik im Vorfeld des Festes die eigentlich (für die "Szene") wichtige Arbeit, die Bewusstseinsbildung in Sachen österreichischem Pop, passiert ist.

Die Besucherzahlen sind heuer noch einmal deutlich nach oben geschnellt, der Platz stößt so schon im zweiten Jahr der Veranstaltung an seine Kapazitätsgrenzen (das ist aber - noch - kein Problem). Die Gastronomie-Situation wurde deutlich verbessert, das Versprechen trotzdem keine Sauf- und Fressmeile einzurichten wurde dankbarerweise eingehalten, die Waage scheinbar gefunden.

Vom überwältigenden und überraschenden Erfolg des ersten Jahres beflügelt, hat man dabei wie in anderen Punkten auf Kritik aus dem Vorjahr reagiert - soweit man dazu imstande war. Denn Platz, Budget und Lage sind recht unumstössliche Faktoren in diesem Spiel - womit die Einleitung zur größten Posse des Festes geschrieben ist.

Samstagnachmittag wird bekannt, dass die Wiener Philharmoniker ein Konzert im gegenüberliegenden Musikverein spielen und auf DVD aufzeichnen. Die für ein Open Air-Konzert ohnehin schon recht leise dB-Grenze wurde daher per Bescheid noch einmal um 10db nach unten korrigiert (10dB-Schritte bedeuten eine gefühlte Verdopplung bzw Halbierung der Lautstärke, den Grenzwert am Messpunkt, 75, erreicht ein Gespräch unter Freunden in einem Park). Als Garnitur gab es offenbar gar eine Klagsdrohung gegen die veranstaltende Organisation karlsplatz.org - die sich eigentlich mit massiver Rückendeckung der Stadt um die Belebung des Karlsplatzes bemühen soll.

Passiert ist letztlich nichts, außer dass die Konzerte von Black Shampoo und Francis International Airport etwas gar leise für ein "Rockkonzert" gewesen sein mögen - die Auflage wurden bravestens eingehalten. Ein schaler Nachgeschmack bleibt jedoch, weil kaum ein Beispiel Österreich und Wien besser beschreibt als diese Geschichte. Man hatte sich veranstalterseitig redlich bemüht: Die Seebühne war deutlich höher als im letzten Jahr, man konnte die Acts nun wesentlich besser sehen - ein guter Zug. Die Tonsituation war durch die erhöhte Bühne einen Deut besser als im letzten Jahr, wenngleich alles andere als großartig. Eine Vollbeschallung des Platzes mitten in der Stadt zu verlangen, erschiene auch mir ein wenig zu dreist, andererseits möchte ich nicht unbedingt Original-Zitate von erfahrenen Ton- und Lichttechnikern der "großen" Bands wiedergeben, die hier involviert waren. Fassen wir sie einmal als "nicht besonders festivaltauglich" und "der Größe der Veranstaltung unwürdig" zusammen.

Die Aufregung der involvierten Bands rund um die Philharmoniker-Posse war vor allem durch eine Sorge begründet: Dass nämlich bei aller Bewusstseinsbildung und der damit geschaffenen Aufmerksamkeit und Erwartung darauf vergessen wird, diese auch zu nutzen bzw zu erfüllen. Und so Unrecht hatten sie damit nicht - wie sich schon bei Skeros Backingband am Eröffnungsabend, SK Invitational, zeigte: An sich ist das eine großartige Band, die zu erleben es sich lohnt. Am Donnerstag von mittendrin gesehen, war ich versucht sie für belanglos und fad zu halten (ich weiß es glücklicherweise besser). Gustav? Verehre ich heiß, klang aber abseits eines kleinen, elitären Kegels direkt vor der Bühne eher furchtbar.

Nun kenne ich die meisten dieser Acts ja schon, was aber ist mit jenen tausenden neugierig gewordenen, die das nicht tun und zum Entdecken herkamen? Das berühmt-berüchtigte Tratschen im Publikum ab Reihe 7: Eine Folge des matten Sounds oder eigentlich eh Desinteresse? Was tun die dann dort? Vielleicht waren sie ja die Käufer der schokoüberzogenen Früchte, die der geübte Karlsplatz-Homie-Verkäufer während der Konzerte durch die ersten Reihen (!) zu schieben versuchte.

Dass kleine Kinderkrankheiten im Veranstalten eines Musikgroßevents noch nicht vollständig auskuriert waren, nehme ich gerne zur Kenntnis, weil eine Lernkurve sichtbar und die Gesamtwirkung des Festivals auch heuer wieder so ungemein positiv war. Beim großen Punkt Sound, Bühne und der damit einhergehenden Relevanz des Popfests für die Künstler selbst aber muss sich nicht der Veranstalter, sondern vor allem die Stadt Wien fragen lassen, ob sie das mit 180.000 Euro geförderte Unterfangen Ernst meint.

Das Einladen internationaler Gäste, wie es Musikorganisationen (mica, AMAN) nicht zuletzt auch durch mein Zutun betreiben, karikieren das Bild vom großartigen Festival nämlich. Bei aller Begeisterung für Wien, die vitale Szene, das zahlreiche Publikum und die tollen Bands mischt sich da bei den Gästen zwischen den Zeilen durchaus auch lächelndes Bemitleiden und dezentes Kopfschütteln angesichts solcher "Problemchen" wie jenem mit den Philharmonikern ein. "That´s Vienna", wie ein Zuhörer die Geschichte einem solchen Gast gegenüber zusammenfasst.

Sollte der Stadt, die sich gerne mit dem Fest schmückt, das nicht zu denken geben? Wo sie doch fast zufällig und eigentlich trotz der scheinbar großen Summe recht billig zu einem Image-Volltreffer kommt und sich endlich originär gewachsener Stärken brüsten könnte? Und: Sollten nicht auch Häuser wie der Musikverein mit Freude am Popfest partizipieren? Oder müssen wir ewig das Wiener Derby "Hochkultur" gegen "Popkultur" austragen, um letztlich beidseitig zu verlieren?

Ich trage die Hoffnung in mir, dass man diese Kritik nicht in die falschen Kehlen bekommt. Ich werde nicht so schnell müde werden, diese Veranstaltung gut zu finden und ihre Absichten zu verteidigen. Das muss es mir auch erlauben, anzumerken, dass hier noch weitaus mehr drinnen steckt, als den allermeisten Menschen auf dem Platz in diesen vier Tagen bewusst geworden ist. Lang lebe das Popfest.

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Sonntag, 1. Mai 2011

Warum Kultur fördern?

Zur Abwechslung mal wieder im heimatlichen Burgenland zugegen, vergönnte ich mir gestern einen Ausflug in die vertraute Cselley Mühle in Oslip. Sie ist in den vergangenen zwanzig Jahren sowas wie die Quelle für den musikalischen Nährboden im Burgenland gewesen und auch für mich ein nicht unwesentlicher Teil der kulturellen Sozialisierung. Ende Mai feiert das Kulturhaus seinen 35. Geburtstag mit einigen der dort gediehenen Gewächse: Garish, Hörspielcrew, Tanz Baby (die Reihe wäre mit Ja, Panik; Charmant Rouge, Bo Candy und vielen weiteren Projekten aus den Häusern Pinzolits und Pronai ellenlang fortzusetzen) - und es ist angesichts zahlreicher Umstände ein kleines Wunder, dass es dieses Jubiläum zu feiern gibt.

Zur Eröffnung sprach der damalige Unterrichts- und Kulturminister Fred Sinowatz den legendären Satz: "Ich weiß nicht, was ich hier eröffne, aber ich eröffne es." Wie so oft wurde er unterschätzt und missverstanden - denn es war klar, dass die in diesem Satz innewohnende Frage erst langsam beantwortet werden konnte: Niemand konnte erahnen, was und wohin sich die von einem Kunstkeramiker und einem Maler übernommene Mühle tatsächlich entwickeln würde, Mühlen mahlen bekanntlich langsam. Geworden ist es jedenfalls ein legendärer Szenehort, eine vielseitig bespielte Bühne, ein idyllischer Schauplatz für Landhochzeiten, ein Platz für Traditionspflege mit Tamburizzen und ein Platz an dem manche der wichtigsten Platten der österreichischen Pop-Gegenwart entstanden sind.

Nun standen und stehen viele große und kleine Hindernisse im Weg einer durchgehend erfolgreichen Geschichte des Hauses, eng verbunden ist sie aber auf jeden Fall mit dem Thema Kulturförderung. Denn wie die meisten Kulturhäuser ist ein Überleben ohne Fördergelder fast nicht denkbar. Gleichzeitig ist das beständige Kürzen von Fördergeldern ein politisches Gängelspiel, dass Häuser wie diese in eine Qualitätsfalle lockt, die Marktwirtschaft heißt.

Es ist ein schmaler Grat, den andernorts stehende, üppig geförderte Betriebe entlang gehen müssen - und aber auch können: Sie können mit ihrer Programm- und Kommunikationspolitik die Entscheidung treffen, ob sie nach viel Publikum heischen oder sich mit herausforderndem, spannendem, qualitativ hochwertigen Programm langsam und langfristig eines erarbeiten - also kurz gefasst "Musikantenstadl oder Moderne Kunst" spielen. Viele gut und trotzdem bunt kuratierte Häuser (mir fallen die ARGE Kultur in Salzburg oder der Spielboden in Dornbirn ein) schaffen einen angenehmen Spagat mit ihren Fördermittel. Das donaufestival in Krems ist ein bewusst in den Boden gerammter Eckpfeiler mit ultraspitzem Programm, der ebenso wichtig ist.

Diese Wahl haben kleine, selbständige, nicht im Landeseigentum stehende und kaum geförderte Häuser oft nicht. Sie müssen sich der Marktwirtschaft zuwenden - und scheitern dabei oftmals grandios. Entweder das Programm verludert und versumpert in Richtung 1-Euro-Party und Großraumdisko, oder das Publikum bleibt aus - eine Wahl wie zwischen Pest und Cholera.

Was die grundsätzliche Frage der staatlichen Intervention stellt - was ist und was darf Kulturförderung? Warum maßt sich der Staat an, mit öffentlichen Geldern künstlich (sic!) etwas am Leben zu erhalten, das eh keinen interessiert?

Abgesehen davon, dass die Frage semesterweise Stoff hergeben würde, steht im Zentrum der Beantwortung: Es ist eine Frage der gesellschaftlichen Entwicklung. Weil die aktuelle Politik keinerlei Gestaltungswille und -fähigkeit zeigt, drückt sie sich auch geschickt davor, diese Frage überhaupt zu beantworten - und richtet damit nachhaltigen Schaden an.

Wohin sich die Jugend nämlich entwickelt, ist eine durchaus (in Maßen) steuerbare Sache. Und im Jahr 2011 bedeutet "Steuern" vornehmlich Gegensteuern. In der marktwirtschaftlich bestimmten Welt von heute schreit der gelernte Jugendliche gruppendynamisch nach Party, Unterhaltung und günstigen Getränken. Was die tatsächliche "Kultur" darstellt, wird im Jetzt vor allem von kollektiven Matura-Saufgelage-Reisen und Großraumdiskotheken bestimmt. Mit allen Begleiterscheinungen von Fernsehsendungen wie "Saturday Night Fever" bis Komasaufen - will man das wirklich? Das Volk dumm und besoffen halten? Damit es nicht merkt, welche Problemfelder (Integration, Arbeitslosigkeit...) rundum nicht gelöst werden können?

Eine Alternative dazu anzubieten; Möglichkeiten zu zeigen, aus dieser elenden Gruppendynamik auszubrechen; Anreize für kritische Auseinandersetzung zu bieten; gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt zu erarbeiten - all das kann Kulturförderung befeuern. Findet sie deshalb und bewusst nicht wirklich statt? Und sägt die Gesellschaft damit nicht an ihrem eigenen Ast?

Fest steht, dass wir uns längst in einem Teufelskreis befinden: Je länger die Biotope, an denen noch etwas "passiert", ausgetrocknet werden, desto schneller wird das Interesse daran abnehmen (müssen) - welches dann wieder zum Anlass genommen wird, um noch geringere Förderungen zu rechtfertigen. In der Kulturpolitik zu sparen, mag der politischen Kaste kurzfristig leicht und clever erscheinen. Der langfristige und tiefgreifende Schaden, der damit angerichtet wird, ist umso schlimmer.

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