Sonntag, 27. Dezember 2009

Das Jahr 2009.

Unglaublicherweise sind nunmehr die ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends zu Ende. Die gesammelten Rückblicke auf diese Dekade übersteigen in ihrer Zahl diesmal fast jene zum Jahresausklang.

Die Dekade.
Es ist die erste Dekade, auf die aus meiner persönlichen Sicht praktisch vollständig als "Musikarbeiter" zurückzublicken ist. Die Marke "ink music" existiert seit 2001. Der Vorläufer des gegenwärtig tätigen Musikverlages ist auf dieses Jahr ebenso zurückzuführen wie die Anfänge als Booking-Agentur und als Musiklabel. Vieles hat sich verändert, viel ist geblieben. Die postulierte Künstlerentwicklung gelang in manchen Fällen prächtig, in manchen weniger. Erfreulich und herausragend positiv Beispiele wie JA, PANIK, die sich den Sprung nach Deutschland vergönnt haben und seit ihren Anfängen als "Flashbax" in diesem Haus gewachsen sind. Das aktuelle Album "The Angst And The Money" als bisheriger Höhepunkt ihres Schaffens steht auf vielen Jahresbestenlisten 2009 - und auch in so manchem Rückblick auf das Beste aus den "Nullerjahren" (u.a. Falter, Presse). GARISH sind eine regelrechte Marke geworden, aus CLARA LUZIAs dezenten Anfängen wurde ein richtig großes Thema, TROUBLE OVER TOKYO hat eingeschlagen - es war ein intensives und schönes Jahrzehnt für das Haus ink music. Nicht zuletzt dessen Finale - seit 2008, dem Umzug in neue Räumlichkeiten im 17. Wiener Bezirk, haben wir uns größenordnungstechnisch mehr als verdoppelt.

Krise.
Abgesehen von unserer Entwicklung ist 2009 das Jahr der Krise, die niemand bemerkt hat. Michael Jackson ist gestorben - und hat einen österreichischen Möchtegern-Großveranstalter ein sagenhaft peinliches Desaster aus dem Pop-Himmel geschickt. Barack Obama hat in seinem ersten Jahr als US-Präsident den Friedensnobelpreis bekommen - und in seiner Rede für viele zu realistisch erklärt, dass es Krieg in der Welt (leider) braucht. Hermann Maier tritt zurück, das iPhone wird Massenware, Terabyte-Speicher Gang und Gäbe.

Zweinull.
Web 2.0 wird vom geflügelten Wort zum Alltag in den urbanen Herzschlagadern der Welt und darüber hinaus. Facebook und Twitter sind die Medien des Jahres, verändern Habitus und Sprache nachhaltig (bislang unberührte Keyboardfunktionen wie # bekommen plötzlich Bedeutung!). Aufbrandende Revolutionen finden zusehends "2.0" statt - wie die "Audimaxisten" in der Uni Wien bewiesen. Ebenso wie die Menschen im Iran, die sich mit dem massiven Wahlbetrug zugunsten der diktatorisch herrschenden, fundamental-religiös gesteuerten Regierung in ihrem Land nicht zufrieden geben wollen.

Gesteuerte Hysterisierung
Das wird uns wohl auch noch in der näheren Zukunft beeinflussen, die Medien werden sich weiter verändern und wir mit ihnen. Apropos. Das einzige, was im dahinsiechenden Medium Fernsehen noch "zieht", sind "Events" - das sind anno 2009 nach wie vor Castingshows, die Phänomene wie ein "hässliches Entlein" namens Susan Boyle oder einen äußerst talentierten Hund zu Superstars machen.

Der zweite Erfolgsfaktor im Showbiz nennt sich immer noch "Provokation". Das zeigen 2009 auf recht peinliche Art und Weise neben Rammstein (Porno-Video zur Promo... naja) eine gewisse Lady Gaga, die als talentierte Songwriterin erfolglos blieb, als Skandalnudel aber die Medien geschickt um den Finger wickelt. Außerdem ist jetzt offiziell, dass Ibiza überall ist, dem omnipräsenten David Guetta sei Dank. Gossip stossen mit Rick Rubin als Produzenten und einem Major-Label als Gasgeber die Mainstream-Türe weit auf und bringen den Trend der Vorjahre, den Crossover aus Punk, Rock und Elektronik, endgültig in die Charts. Ansonsten feiert im Indie-Umfeld wie in den Charts das dezent biedermeierlich angehauchte Songschreibertum einen neuen Frühling. Emiliana Torrini, eine waschechte Indie-Isländerin, stolpert mit "Jungle Drum" fast unabsichtlich zum Superstardom. Marit Larsen, Amy McDonald und andere tanzen in dieser Reihe.

Bemerkenswerite rotweißrote Releases von internationaler Anerkennung kommen nach wie vor ausschließlich aus dem "FM4"-Eck: Soap & Skin, Clara Luzia, Kreisky, Ja, Panik sorgen für gehörig Aufruhr auch außerhalb der Landesgrenzen. Der Amadeus in seiner Neufassung versucht das zu würdigen, scheitert aber an der Engstirnigkeit des hiesigen Publikums. Anna F. ist das begiebelkreuzte traurige Vorzeigebeispiel dafür.

Cinemaustria
Im Kino surft Österreich nach wie vor auf einer gefühlten Erfolgswelle. Der hierzulande jahrelang ignorierte Christoph Waltz steigt dank Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" zum Superstar mit Oscar-Chancen auf, Michael Haneke gewinnt in Cannes die Goldene Palme für "Das weisse Band", Götz Spielmann erhält eine Oscar-Nominierung für "Revanche".

Weil auch Remakes und Fortsetzungen nicht aus der Mode kommen, sind The Dark Knight und Star Trek die glorreichen Vorreiter (Ausnahmen) von ausgesprochen clever und gut gemachtem Blockbuster-Kino. Harry Potter ist mit seiner Septologie noch nicht fertig, da wird er auch schon Vampiren ("Twilight") seines Rufes als Teenager No. 1 entzaubert.

Nordslowenien
Politisch setzt Österreich seine Autobahnfahrt Richtung Bananenrepublik eindrucksvoll fort. Die Hypo Alpe Adria ist der Beweis dafür, dass Jörg Haider nicht nur sein Auto an die Wand fahren konnte. Das arme Kärnten kriegt außerdem seine eigene blaurange Volksfront von Judäa. Inspiriert von der Tätigkeit der jüngsten SPÖ-Geschäftsführerin aller Zeiten sucht die ÖVP einen adäquaten Superpraktikanten. Für den dritten Nationalratspräsidenten ist auch 2009 ein Olympia-Jahr. Der Wissenschaftsminister lässt in Brüssel nach sich krähen.

The Future Is Now.
Und 2010, das neue Jahrzehnt? Apple wird als nächstes das Buch verschlingen, einen Tablet-PC auf den Markt bringen und gleichsam das junge "Kindle" von Amazon in Frühpension schicken und als vergrößertes iPhone nochmal eine kleine Revolution anzetteln. Printmedien werden es danach noch schwerer haben, die Internettisierung der Welt wird weiter voranschreiten. Facebook wird nicht ebenso rasant verschwinden wie myspace, aber ebenso wieder an Bedeutung verlieren. Die Menschen werden lernen, den Kern des Nutzens zu erkennen und sich darüber hinaus ihre Kontakte und Weltnachrichten ("... gehe jetzt aufs Klo!") personifizieren.

Die USA schicken sich an, ihr paranoides Dasein auf die Spitze zu treiben und Reisen ins Land der begrenzten Unmöglichkeiten völlig ad absurdum zu führen. In Österreich wird weiter Politik nach dem Wind, der der Kronen Zeitung entfläucht, gemacht werden. Nicht viel Neues also.
Freuen wir uns auf 2010. Was bleibt uns auch anderes übrig.


Die Musik von 2009

Singles
Heavy Cross / Gossip
To Lose My Life / White Lies
Take Off Your Sunglasses / Ezra Furman & The Harpoons
Dominos / Big Pink
This Rhythm / Filthy Dukes
Asthma / Kreisky
The Girl From The BBC / Official Secrets Act
Lies / Antennas
Laughing With / Regina Spektor
Alles hin, hin, hin / Ja, Panik
Crying Lightning / Arctic Monkeys
1901 / Phoenix
Warm Heart Of Africa / The Very Best ft. Ezra Koenig
The Muzik / Ebony Bones
Zero / Yeah Yeah Yeahs
We Are The People / Empire Of The Sun

Alben
The Angst And The Money / Ja, Panik
Sigh No More< / Mumford & Sons
Wolfgang Amadeus Phoenix / Phoenix
Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld / Kreisky
The Ground Below / Clara Luzia
Music For Men / Gossip
Grass Is Singing / Lonely Drifter Karen
Horehound / The Dead Weather

Mittwoch, 25. November 2009

Das Ö3-Dilemma.

Österreichische Musik findet in der hiesigen Radiolandschaft immer noch viel zu wenig statt. Ein Erklärungsversuch.

Auf den Marktführer hinzuhauen ist leicht – und als solcher kann es Ö3 naturgemäß nicht jedem Recht machen. Der Sender steckt in einem Dilemma: Einerseits wird einem der „Kulturauftrag“ vor die Nase gehalten; andererseits meint die fast 50%ige Werbefinanzierung des ORF, dass Ö3 eine Cash Cow zu sein hat und durch möglichst hohe Reichweiten Geld ins Unternehmen spülen soll. Auf diese Art und Weise sind nicht zuletzt verschwisterte Sender zu finanzieren, die dem Kulturauftrag bedeutend näher kommen (Ö1, FM4). Ein Paradoxon.

Das Ergebnis ist pure Angst - und die ist üblicherweise ein schlechter Ratgeber, sowie Hintergrund einer seit 15 Jahren konsequent daneben liegenden Senderpolitik im Umgang mit Ö-Musik. Anstatt hier produzierte Inhalte überzeugend zum „USP“ und damit seiner Stärke zu machen, regiert die „Nummer sicher“-Taktik mit den leiernden 80er-Jahre-Konsens-Hits und damit einhergehender Verwechselbarkeit.

Dass österreichische Musik die Hörer zum Umschalten bringt, ist dabei eine absurde Mär der Marke „self-fulfilling prophecy“: Solange man sie in geschützten Werkstätten mit Stempeln wie „Die neuen Österreicher“ zwangsvereinnahmt, tut man ihnen und damit sich selbst nicht viel Gutes – Beweise sind zur Genüge erbracht; und gut gemeint ist manchmal leider eher das Gegenteil von gut. FM4 etwa hat da eine positive, ganz andere Selbstverständlichkeit entwickelt.

Am ultimativen „Nein“-Sager manifestiert sich das Scheitern an der eigenen Vorgabe: „Unsere Hörer wollen das nicht hören“ - da können noch so viele neue Österreicher plakatiert und Soundcheck-Sieger getrommelt werden. In diesem von allen Seiten eingegrenzten Apparat etwas Neues zu probieren, Entdeckungen zu wagen, den John Peel raus zu lassen – und so ein Publikum zu binden und zu interessieren: Quasi unmöglich (Eberhard Forcher ist als Ausnahme die Bestätigung der Regel). Selbst den verantwortlichen Redakteuren ist unter diesem Blickwinkel kaum ein Vorwurf zu machen.

Die beste Konsequenz wäre also, dem ORF eine Impfdosis Mut zu verabreichen, um Ö3 mehr Wind und weniger Fahne sein zu lassen. Die Redakteure könnten dann belegen, dass sie sehr wohl imstande sind, zwischen glatt gebügelter Plastik- und nachhaltig-relevanter Pop-Produktion zu unterscheiden. Vielleicht wäre das Leben dann tatsächlich ein Hit.

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Dieser Artikel erscheint auch in "Die Presse am Sonntag" vom 29.11.2009

Montag, 12. Oktober 2009

Blumenau.

Es gab in letzter Zeit ein paar gute Gründe, im Freundeskreis über die Figur Martin Blumenau zu diskutieren. Vorwiegend kamen die diesbezüglichen Inputs und "Fragen" von außen an mich heran, und ich habe dabei immer eine Außenseiterposition eingenommen. Ich will das erklären - und das eher zufällig justament gerade jetzt, wo er selbst auch über mich und unser aktuelles 80er-Jahre-Projekt schreibt. In gewisser Weise ist dies also die Replik.

Blumenau ist seit jeher ein Reibebaum, ein richtig unangenehmer Zeitgenosse, ein klassischer Fall von "Stachel im Fleisch" - und das für viele. Es ist für viele schwer an ihn heran-, und noch schwerer mit ihm auszukommen. Selbst mit "Kollegen" (Karl Fluch) oder langjährigen Freunden (Walter Gröbchen) gab es in jüngster Vergangenheit geradezu unglaubliche, weil auch sehr öffentliche Meinungsschlachten. Wiewohl ich ihn seit mehr als zehn Jahren kenne und ihm immer wieder begegne, erschließt sich mir immer noch nicht so ganz genau, ob Martin Blumenau mehr Figur oder Mensch ist.

In ersterem Fall, und an diesen will ich fest glauben bis man (er) mir das Gegenteil beweist, ist er einer der wichtigsten Zeitgenossen überhaupt. Meine Position in Diskussionen über die Person Blumenau ist dann diese: Was er auspackt, hat Methode. Als Figur ist er ein Märtyrer seiner eigenen Idee. Er mag schimpfen und polemisieren, provokant sein und herausfordernd - aber in genau dieser Form auch immens wichtig.

Einerseits, weil er mit FM4 natürlich ein tolles Sprachrohr zur Verfügung hat, dass seine "Meinung" multipliziert und ihm einen gewaltigen Stellenwert einräumt. Zweitens und vielmehr aber, weil es immer im weiteren Sinne zugunsten der "Sache" ist: Was Blumenau nämlich am konsequentesten macht, ist, den Diskurs einzufordern.

Streitet gefälligst! Wenn ich euch beschimpfe: Schimpft zurück! Und tut es gefälligst anständig, nicht halbherzig! Es geht dabei nicht wirklich um persönliche Beleidigungen (auch wenn sie manchmal Teil der Methode sind) - es geht darum, seine Meinung sagen zu können und zu dürfen. Und noch viel mehr darum, innerhalb eines solchen - oft emotionalen - Diskurses etwas ganz wichtiges zu tun: Nachzudenken. Man sollte seine Meinung gut begründen können, man sollte hinter seiner Meinung stehen können. Um dieser Herausforderung das notwendige Gewicht zu verleihen, ist sanftes Streicheln und konsensuales Denken (das entspräche eher mir) mitunter der falsche Ansatz. Es braucht also einen Blumenau.

Sein "Spiel" findet dabei auf der Meta-Ebene statt und leistet sich dabei durchaus auch Fehler. Er pocht auf Bildung, Geschichtskenntnis und Faktentreue - nimmt es dafür aber leichtsinnigerweise in Kauf, auf Genauigkeit selbst nicht allzuviel Wert zu legen. So heiße ich im aktuellen Artikel zunächst Martin Tschürtz (und ich weigere mich zu glauben, dass er es nicht besser weiß) und er verlegt die Bravo Hits in die 80er. Selbst das könnte Methode sein, ich plädiere hier aber entschuldigend dafür, dass die Geschwindigkeit seines Mediums (konkret dem täglichen Journal) auch Opfer fordert - etwa Schnelligkeits- und Schlampigkeitsfehler. Ich war selbst Journalist, ich habe selbst und gerade heute zugeben müssen, wie schwer es ist, einen akkuraten und täglichen Blog zu verfassen.

Und selbst wenn es mitunter nicht den Qualitätskriterien manchen kritischen Lesers entspricht:
Martin Blumenau liefert Gesprächsstoff - das beweist auch dieser Artikel. Genau diesen liefert auch sein tägliches Journal. Er ist ein Agenda Setter. Er sagt, worüber gesprochen wird. Und diese Rolle nimmt er sehr ernst. Die sachliche Ebene, seine ureigene, persönliche Meinung sind letztlich sekundär. Sein Ziel hat er erreicht, indem er die Menschen vor dem Bildschirm dazu bringt, zu widersprechen.

Letztlich zeigt er damit auf, dass Diskursfähigkeit (im persönlichen Sinn) und Meinungsfreiheit (im globaleren) zwei Dinge sind, die gar nicht hoch genug einzuschätzen sind. Sie sind der Nährboden für Fortschritt, für Weiterentwicklung. Diskutieren wir nicht (oder es wird uns erschwert oder gar verboten), degenerieren wir als Menschen und als Gesellschaft schneller als uns lieb ist. Es ist eine zentrale Aufgabe des Journalisten, jeden Tag aufs Neue auf dieses - sein ureigenstes - Grundrecht zu pochen und seine Wichtigkeit zu beweisen. Das Medium Internet erleichtert dies immens (Widerspruch! Diskussion!) - also stimmt auch das Format mit der Theorie überein.

Ich will diesem, meinen Blumenau-Bild glauben schenken und damit dem "freien Radikalen" den Raum geben, den er braucht. Seine Artikel ernten manchmal meine Zustimmung, manchmal verursachen sie ein Kopfschütteln; meistens machen sie mich nachdenken. Alles so, wie es sein soll und gewollt ist.

Es darf in diesem Muster keine völlig ergebenen Blumenau-Fans geben - es würde dem Prinzip widersprechen. Bloß: Wäre all dies falsch und Blumenaus Intentionen völlig andere - es wäre eine große Enttäuschung und es wäre noch viel mehr infrage zu stellen. Aber das ist eine andere Geschichte, genauso wie meine persönliche Position zu "Death To The 80s".

Music Week Blog, Tag 5-10.

Die fatale Unregelmäßigkeit dieses versuchten Tagebuchs zeigt schon: Langweilig war uns nicht in den vergangenen zehn Tagen. Es war dennoch eine großartige Erfahrung. Die erste INK MUSIC WEEK liegt hinter uns - und nicht nur dafür, dass es ein Versuch und ein Schnellschuß aus der Hüfte war, können wir sehr zufrieden sein.

Am heutigen Montag nachmittag nach diesem Wahnsinn trifft sich das Team erst einmal "auswärts", um die gesammelten Eindrücke gemeinsam zu verarbeiten. Eine erste Analyse dessen, was da alles passiert ist, ist angesagt.

Zusammenfassend noch einmal in Kürze, worüber ich versäumt hatte, zu "bloggen": Zuerst war da Windmill im Chelsea (5.). Am Dienstag fühlte ich mich zum Auftakt der inkademy-Herbstserie im Fluc etwas seltsam, hatte doch die ungewohnte Bühne & Mikro-Version des Vortrages etwas von "Being A Stand-Up Comedian". Trotzdem gut, wenns nach dem Feedback geht.

Mittwoch eine angeregte Diskussion mit vielen Kollegen am Panel des Flex-Café und im Publikum - sehr gut besucht, im Resultat allerdings sind wir gerade einmal zu einem Bruchteil einer Analyse der Situation gekommen, konnten aber kaum "bahnbrechende" Erkenntnisse gewinnen. Wir (Diskutanten) waren uns dennoch einig, dass wir den aufgenommenen Faden unbedingt weiterknüpfen sollten. Irgendwer musste bloß anfangen, so scheint es - und miteinander reden, auch wenn wie in diesem Fall öffentlich, war mit Sicherheit kein Fehler.

Donnerstag brachte eine lehrreiche Diskussion rund um die Verquickungen zwischen Film und Musik - und warum es da eigentlich szenisch so wenige Verbindungspunkte gibt. Wir haben verstehen gelernt, warum das Geschäftsmodell "Sync" hierzulande nicht wirklich existiert. Das wird noch eine spannende Herausforderung, sich dieses Feldes anzunehmen. Die Kinovorführung von "Müssen alle mit" war der einzige Flop der Woche - leider interessierten sich sehr wenige für die amüsante Filmdoku. Die anschließende Soundtrack-Nacht hat dafür eine wirklich intensive und lange Party gebracht. Trotz vieler Schikaneder-Besuche hab ich dort noch nie so viele Menschen auf den Beinen und tanzen gesehen. Ich nehme es als Kompliment für Die Fabelhaften Baker Boys :-).

Freitag waren wir Gäste der 100 Jahre The Gap-Feier - ein Fest, wie es im Buche steht. Das WUK prächtigst gefüllt an allen Ecken und Enden, und Bilderbuch als eine von zahlreichen coolen Acts auf der Bühne - und als "Überraschungssieger des Abends", wie es die Gap-Chefetage erfreut verkündete.

Das Über-Drüber-Finale dann am Samstag - die "Death To The 80s"-Sause im Gartenbaukino. Sehr viele Menschen, sehr gute Stimmung, sehr lange Dauer. Es war ein intensives Abschlussfest. Für die Mannschaft ging es um 7 Uhr mit einem Frühstück im Café Drechsler zu Ende. Auch schon lange nicht mehr so gemacht.

Die INK MUSIC WEEK hat viele Aspekte unserer Arbeit, unserer Leidenschaft und unseres Lebens in die Öffentlichkeit transportiert. Da gehören Konzerte genau so dazu wie ernsthafte Diskussionen, Auseinandersetzungen mit Zukunftsthemen und Ausbildungsmöglichkeiten genauso wie das Miteinbeziehen anderer Kunstformen, die mit Musik in enger Verbindung stehen (können) - und natürlich auch Parties. Wir haben hoffentlich auch für das Publikum die richtige, ausgewogene Mischung dafür gefunden. Für mich persönlich kann ich sagen: Schön wars. Intensiv wars. Gut wars. Dankeschön, es war mir eine Ehre!

Samstag, 3. Oktober 2009

Music Week Blog, Tag 2-4.

Freitag abend im Flex mit Ja, Panik. Vielleicht das Überhaupt-Highlight dieser unser ersten "INK MUSIC WEEK". Es ist eine ungemein positive Spannung zu spüren, die sich nach vollendetem Konzert in befreiende Partystimmung auflöst. Ja, Panik trotzen technischen Problemen und halten dem aufgestauten Erwartungsdruck locker stand. Weder Band noch Songs verlieren auch nur ein Gramm der Dringlichkeit, Direktheit und Kraft von der Platte. Ein denkwürdiger Abend.

Kollege Niko Ostermann hat es fotografisch festgehalten. http://networkedblogs.com/p13498467
Dem ist dann auch nicht mehr allzuviel hinzuzufügen :-)

Samstag abend, "Lange Nacht der Museen". Hellsongs bespielen das Haus der Musik, im Empfangssaal drängen sich die Besucher dicht um die besten Plätze. Wir überschreiten schon am dritten Tag mit Leichtigkeit die 1000-Besucher-Marke und sehen in glückliche Gesichter erwachsener Kinder. Apropos: Mich erinnert die entzückende Sängerin Siri ja immer an Molly Ringwald. Das tut aber nicht allzuviel zur Sache - ein Ahnungsloser vermutet keine Sekunde Heavy-Metal-Hintergrund bei diesem Lounge-Trio. Ein Repertoirekundiger hingegen verliert sich schmunzelnd und mitsingend in einer seltsam neugeordneten Welt, die er zu kennen glaubte. Diese Band: Ein Vergnügen.

Sonntag nachmittag, die Erholungssuche im phil wird zum puren Vergnügen. Erstens, weil die hier (von nun an eine Woche lang) ausgestellten Fotografien von Flo Wieser und Niko Ostermann ungemein schön anzusehen sind, zweitens weil der Andrang zur Vernissage zu dieser "Die ersten 3 Nummern" benannten Ausstellung enorm ist. Friede, Freude, Schokokuchen - und Kaffee. Vier von zehn Tagen sind vorüber. An die tägliche Portion Müdigkeit haben wir uns schon gewöhnt, von vollen Häusern und glücklichen Besuchern haben wir viel gesehen - nehmen wir aber gerne noch mehr - es macht das Durchhalten ausgesprochen leicht.

Freitag, 2. Oktober 2009

Music Week Blog, Tag 1.

Tag 1 und schon ein Supergau. Zwischenzeitlich hört man auf, an Karma zu glauben. Dass irgendwann alles gut wird und zurück kommt, was man bislang an (vermeintlich?) guten Taten in die Welt geschmissen hat. Oder man fragt sich frei nach Ja, Panik: Ob ich das verdiene?

THOSE DANCING DAYS waren aus Schweden angereist und für das Eröffnungskonzert der INK MUSIC WEEK geladen. Blöd nur, dass die Band quasi am Ende einer elendslangen Tour steht und quasi direkt aus Brasilien nach Wien kam. Dass sowas körperliche Konsequenz haben kann, ist den fünf unfassbar sympathischen Mädels gestern schmerzlich bewusst geworden - ihre Frontfrau/Sängerin machte schon tagsüber einen sehr erschöpften Eindruck und ist nach dem Abendessen endgültig und sprichwörtlich zusammengebrochen.

Während Deckchair Orange den geplanten Support bestritten und Rapid sich mit Celtic Glasgow matchte, standen wir also justament zum 10. Geburtstag des "Guten Clubs" vor der Situation, ein Konzert mit einer Band, die an sich da ist, absagen zu müssen. Alle gut und ernst gemeinten Versuche seitens Band, Management und uns, doch noch ein Konzert zu ermöglichen, waren leider vergebens - was soll man machen, wenn die Gesundheit nicht mitspielt... glücklich waren wir allesamt nicht.

Die verbliebene Band ging dennoch auf die Bühne, erklärte und entschuldigte sich - und spielte ein Mini-Instrumental-Set, zwischendurch spontan begleitet von einem weiblichen Fan. Natürlich ist das so kein volles Konzerterlebnis, aber die Band demonstrierte ihren Willen und hatte für die Umstände sogar noch viel Freude an der trotzdem vorhandenen Begeisterung des Publikums.

Unterdessen überlegten wir, wie wir diese Situation lösen konnten. Mit Band und Management war längst vereinbart, möglichst bald ein Ersatzkonzert anzustreben (Termin steht noch nicht fest). Nach der Band enterte ich also die Bühne, habe den Leuten wiederholt die Situation erklärt und allen Anwesenden angeboten, ihre Vorverkaufs-Tickets von uns abstempeln zu lassen. Diese gestempelten Karten sind jetzt wahlweise gültige Eintrittskarten für das Ersatzkonzert - oder die Berechtigung, das Geld bei der Jugendinfo innert der nächsten Tage (bis nächsten Freitag, 09.10.) zurückzukriegen. Leute, die an der Abendkasse bezahlt hatten haben einen Ticket-Gutschein für selben Zweck von uns (oder wahlweise ihr Eintrittsgeld zurück) erhalten.

So hoffen wir, dass wir für alle das bestmögliche Szenario aus dieser unglücklichen Situation machen konnten. Und nicht zu vergessen gab es ein volles Konzert (Deckchair Orange) und eine ausgiebig-schöne Club-Geburtstagsparty rund rum. Insofern empfinden die Besucher dieses Angebot hoffentlich als so kulant wie wir das beabsichtigt haben. Und auf die Neuauflage der Those Dancing Days-Show freuen wir uns trotzdem.

Freitag, 11. September 2009

Amadeus, Amadeus - Fazit.

Der Tag danach. Verkatert ob zu wenig Schlafes, einer gehörigen Portion Ausgelassenheit und eines langen Vortages mit Austrian Music Convention und Amadeus. Irgendwie gehört sich das so. Ich hab hier zuletzt das neue Amadeus-Format zu analysieren versucht und habe Interviews zum Thema gegeben. Das hat mir auch Kritik eingebracht - teilweise, weil ich mißverstanden wurde. Jetzt, wo die ganze Chose vorbei ist, lässt sich ein kurzes, erstes Resümee ziehen.

Der Amadeus hat so etwas wie eine Neugeburt gefeiert - und das war gut so. Natürlich ist und bleibt es eine Musikpreisverleihung, deren Sinnhaftigkeit und "Coolness" sich immer nur bedingt erschließt. Aber: Die IFPI hat Mut bewiesen. Die "böse" Major-Industrie hat sich von ihrem Pferd herunter getraut, hat sich umgesehen, die Realitäten endlich anerkannt (sinkende Plattenverkäufe, andere Kommunikationswege zum "Fan") und sich getraut, ein breites Szene-Abbild auf die Bühne zu stellen. Warum denn auch nicht!

Dass das nicht im ersten Jahr grandios funktioniert - speziell im Sinne von Einschaltquoten, Sponsorenerlösen und Medienresonanz: klar. Dass dieser Versuch aber ebenso richtig wie wichtig war: auch klar. Langfristig lässt sich so eine echte Identität für diesen Award aufbauen. Etwas, dass der Preisverleihung in den letzten neun Jahren beim Versuch eine internationale Awardshow zu simulieren, immer fehlte.

Niemandem sind die internationalen Gäste und Preise gestern auch nur ansatzweise abgegangen - zurecht. Den meisten Applaus des gewohnt mauen "Industriepublikums" hat eine Band eingeheimst, die bislang nicht im Entferntesten eine Plattform für so einen Auftritt zugesprochen bekommen hätte: The Sorrow (die dann auch noch einen Preis in ihrer "Metal"-Kategorie abstaubten). Selbst unsere für die nachmittägliche Convention angereisten internationalen Gäste haben das anerkannt (sie haben sich auch alle Fatima Spar & The Freedom Fries, Kreisky und Bunny Lake in ihre Notizbücher gekritzelt).

Was der Show bei vielem, was man diskutieren kann, noch fehlte, war eine würdige Stimmung (siehe "Industry People Problem"). Wir haben in kleiner Runde dazu schon eine Idee entwickelt, die ich den Herren gerne vorschlagen werde: Eine etwas größere Location wählen (wiewohl das MQ mir gut geeignet erschien) - und die Fans nicht nur fürs Voting einbinden, sondern auch für den Event: Jede Nominierte Band soll ihre 30-50 treuesten Fans mitnehmen (dürfen) - ein perfekter "Preis" fürs Abstimmen, ein Riesenbonus für die Stimmung. Ich bin mir sicher, dass der Austausch zwischen Metal-, HipHop- und Schlagerfans letztlich auch zu einem bunten Rahmen beitragen wird können - und vielleicht Brücken bauen kann, die auch die vorhandenen, tiefen Gräben zwischen den hiesigen Szenen überwinden hilft. Ein Extra-Applaus für den Ansatz dazu geht raus an Kamp & Whizz Vienna, die sich gleich einmal mit Andreas Gabalier verbrüdert haben und ein Mash-Up auf der Bühne inszenierten - warum denn auch nicht!?

Die Fans werden selbst dann kaum böse sein, wenn sie das traditionelle Gemetzel am Buffet und die branchenübliche Alkoholentsorgungsaktion versäumen (müssen). Sollen die "VIPs" halt. Apropos. Dieses Jahr gabs rumgereichtes Fingerfood statt eines mächtigen Buffets: Supere Idee, sparsam noch dazu. Kein Gedrängel, nur etwas wenig Personal stand offenkundig zur Verfügung. Und jenen, die den Amadeus ganzes Jahr beschimpfen, dann hingehen, sich kostenlos plattsaufen, um danach wieder zu schimpfen: Warum tut ihr euch das an und bleibt nicht einfach zuhause?

Es gibt Kritikpunkte, gewiss. Die bereits besprochenen - die Details des Voting Systems etwa. Oder das Faktum, dass sehr viel Geld eines völlig intransparenten Fonds für soziale und kulturelle Einrichtungen in diese Veranstaltung fließen muss um sie zu ermöglichen. Dinge, die im weiteren Verlauf dieser Diskussion sicher noch angesprochen werden, die nicht unerwähnt bleiben sollen und eine konstruktive Weiterentwicklung dieses Formats ermöglichen sollen. Heute aber soll zunächst einmal dieser positive Gesamt- und Entwicklungseindruck überwiegen.

Der Amadeus hatte keine Chance - und hat sie genutzt. Er ist auf dem Weg eine grundehrliche,
bodenständig-österreichische Musikveranstaltung zu werden. Kein Glam, den es hier eh nicht gibt; keine falsche Größe simulierende Pseudo-Pop-Welt, die marktbedingt hier eh gar nicht existiert. Ein kleines Pflänzchen, gewiss. Wollen wir hoffen, dass es ein kräftiger Baum wird.

Weitere nicht uninteressante Behandlungen dieses Themas gibt es von den geschätzten Kollegen Walter Gröbchen und Martin Blumenau - sowie eine Außensicht der Dinge von Christian Schachinger im Standard.

Montag, 3. August 2009

Festivalfail, Fass und Boden.

Bis gerade eben war ich diplomatisch, zurückhaltend und vorsichtig, was das "Indie Project Festival" betrifft. Jetzt fühle ich mich aber doch bemüßigt, ein Statement dazu abzugeben. Das Festival, für 1. August in der Ottakringer Brauerei angesetzt, musste wegen akuten Geldmangels (die Technikfirma konnte nicht bezahlt werden) mittendrin - gegen 23 Uhr - abgebrochen werden. Einige Bands mussten daraufhin ebenso unverrichteter Dinge nachhause gehen wie die (wenigen) zahlenden Gäste.

Jetzt äußert sich Veranstalter Peter Görbert in einem Interview auf Youtube über die Vorkommnisse und die Zukunft - und das schlägt dem Fass endgültig den Boden aus: http://www.youtube.com/watch?v=3N_Cra5iSxM

Zur Erinnerung die Vorgeschichte (ikoon hat sie in seinem blog chronologisch sehr schön und detailreicher aufgeführt):

Ein deutscher Student in Wien kündigt ein "völlig neuartiges Festival" für 10.000 Besucher in der Ottakringer Brauerei an, als Headliner sind Kings Of Leon und Phoenix versprochen. Dazu werden österreichische Acts engagiert. Wenig überraschend entpuppen sich die internationalen Gäste rasch als Seifenblasen - aber zumindest ist das Festival Stadtgespräch.

Peter Görbert war bislang noch nicht einmal als Veranstalter einer Geburtstagsfeier aufgefallen, er hatte euphorisiert und naiv drauflosgewerkt und sämtliche Spielregeln des Geschäfts mangels Kenntnis schlichtweg missachtet. Was ihm sichtlich fehlte, war Szenebindung, Kenntnis organisatorischer, infrastruktureller und sonstiger für die Abwicklung solch eines Events notwendigen Dinge - nunja, man soll niemandem seine Chancen verwehren. Und schließlich war seine Referenz gerade einmal eine Kellnertätigkeit im Münchner P1.

Das Festival wird trotzdem mit Pomp und Trara auf gotv und anderen Plattformen eifrig beworben. Er selbst gibt sich betont optimistisch im Vorfeld - und gibt beim obligaten Ticket Report drei Wochen vor dem Event 1.200 verkaufte Tickets an. Selbst am Tag vor der Veranstaltung spricht er stolz vom "überraschenden Verlauf des Vorverkaufs" und dass 1.700 Tickets verkauft seien. Die Verwunderung darüber wird unsererseits begleitet von Faktoren wie jenem, dass vereinbarte Vorkassen für Gagen der Bands trotzdem entweder unvollständig oder gar nicht kommen. Versuche, die Hintergründe dazu zu eruieren (fehlgeleitete Überweisungen sollen ja schon passiert sein), scheitern; ebenso bleiben versprochene Überweisungsbestätigungen aus.

Dass das Festival selbst ein solch ein Desaster wird und samt Belegschaft keine 300 Personen anwesend sind (was eher zu erwarten war); die Technikfirma auf halbem Weg den Strom abdreht und aufgrund der Abendkassa selbstverständlich keine Gagen ausbezahlt werden konnten ist das eine. Auf der anderen Seite den "Schummeleien" von vorher noch dermaßen dreiste Lügen nachzuschieben ist das andere.

Also. Fakten:
Es wurden trotz Verträgen und am Abend ausgefertigter schriftlicher Zusicherungen bis heute KEINE der ausstehenden Zahlungen getätigt. Es trafen weder Geld noch Überweisungsbestätigungen seitens Peter Görbert ein. Es wurde zahlendes Publikum (Vorverkauf 22, Abendkassa 13 Euro!) um Auftritte von Junior Boys und anderen gebracht - und nicht dafür entschädigt. Es wurde Bier um 2 Euro angekündigt und um 3,60 Euro ausgeschenkt. Es wurde nachhaltig schlechte Nachrede für den Musikstandort Wien und seine Szene erzeugt.

Ich bin seit 14 Jahren in Musikveranstaltungen involviert, habe viel erleben dürfen, können und müssen - das "Indie Project" wird wohl auf längere Sicht das in negativer Deutung bemerkenswerteste Ereignis dahingehend bleiben.

Peter Görbert mag als Veranstalter unerfahren, blauäugig und naiv gewesen sein - das könnte man ihm verzeihen und nachsehen; wir reden hier aber mittlerweile von nichts geringerem als Betrug - an Bands, Publikum, Zulieferern wie Technik- und Cateringfirmen und Agenturen. Er hatte seine faire Chance, missbrauchte das ihm entgegengebrachte Vertrauen aber aufs Massivste. Vor weiteren Versuchen, sich im Veranstaltungswesen zu tummeln (er spricht von einem erneuten Festivalversuch 2010) muss man also sämtliche potentiellen Partner und vor allem ihn selbst eindringlich warnen.

Die Presse

Donnerstag, 16. Juli 2009

Amadeus, Amadeus (2).

Gestern, am 15. Juli, fiel mit der Pressekonferenz zu den diesjährigen Amadeus Awards der offizielle Startschuss zum neu positionierten, neu gestalteten, österreichischen Musikpreis. Die ersten Reaktionen darauf fallen durchwegs positiv aus. Die bewusst versuchte Integration vor allem der Kritikerpresse, das Suchen des Dialoges mit deutlich mehr musikalisch-szenischen Gruppierungen als bisher - all das scheint in Ansätzen zu fruchten.

Nominierungspolitik
In acht auch international vergleichbaren Genre-Kategorien (Alternative/Rock, Electronic/Dance, Hard&Heavy, HipHop/RnB, Jazz/World/Blues, Pop, Schlager, Volkstümliche Musik) hat diesmal (eine schon im ersten Teil dieser Serie behandelte) Jury eine Vorauswahl zusammengestellt, über die jetzt "das Volk" richten darf. Darüber hinaus gibt es in den Sammelkategorien Album und Song jeweils zwei (von Jurymitgliedern am meisten genannten) Vertreter pro Genre - also insgesamt 16 Nominierungen. Extra: Der FM4 Award (läuft wie bisher).

Flaniert man nun über die Nominiertenlisten, kommt tatsächlich leise Freude auf. Die propagierte Vielfalt, das Eingehen auf die Szenen, das Wertschätzen künstlerischer Qualität - all das findet statt und eröffnet der veranstaltenden IFPI vielleicht gerade jenen Lernprozeß, der ihr letztlich das Überleben sichert (dazu später mehr). Auch und gerade weil gefühlte 80% der Nominierten aus dem Bereich der sichtlich lebendigen Independent-Szene stammen.

Die Statue hat eine neue, modernere, zeitgemäße Form erhalten. Die Website ist einigermaßen standesgemäß, liefert Informationen und deutlich mehr sinnvollen Content als ihre Vorgänger. Auch hier aber fallen Details auf, die noch nicht so ganz im Sinne dessen ist, was kommuniziert wurde.

Das Voting.
Es ist sonnenklar, dass die schwierigste Aufgabe der Neupositionierung darin besteht, das Publikum überhaupt einzubinden. Das Interesse am amadeus war schon bisher enden wollend, nunmehr muss man dem Publikum erklären, dass es anders als bisher mitwählen darf, ja soll. Unverständlich bleibt mir trotzdem der Modus und dessen Logik: Insgesamt sechs Wochen läuft der Voting-Prozess. Abgestimmt werden kann einmal pro Woche (!). Überprüfungen finden via e-mail-Adressen und IP-Adressen statt. Erstversuch: Zwei e-mail-aliasse eingesetzt, zwei Votings abgegeben. Das öffnet Manipulationsversuchen natürlich Tür und Tor. Der Wunsch, möglichst viel Traffic auf sich zu ziehen, steht somit möglicherweise diametral gegenüber dem Willen, Transparenz und Fairness walten zu lassen. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse und hoffe, dass - wenn schon laut Demokratie gerufen wird - auch ein einigermaßen dieses Begriffes würdiges Resultat zu erzielen ist.

Kleine Verbesserungsvorschläge auf der Seite gäbe es auch zuhauf - nur ein Beispiel: Links zu Künstlerseiten, Meinungsreferenzen, Videos, Downloadgelegenheiten (iTunes...) und geklärte Rechte für volle Streams statt der 30-Sekunden-Beschneidung wären das Mindeste, wenn man sich schon als zukunftsorientiert und webaffin outet.

Die an sich supere Idee, mittels Widgets praktisch jedem die Möglichkeit zu geben, auf seinen Blogs, Web- und Fanseiten wählen zu lassen, freut wohl vor allem den Sponsor (der kommt so überall vor) und das technikaffine Publikum. Auch hier hoffe ich, dass die Effekte positiv sind, die Breitentauglichkeit wird sich damit trotz Einbindung der Kommunikationskanäle von heute (Facebook, myspace et al) wohl noch nicht erreichen lassen. Was dazu naturgemäß fehlt ist ein schwergewichtiger Medienpartner, auf dem sich viele potentielle Leute aus den Zielgruppen tummeln.

Dilemma
Und hier kommen wir zu einem potentiellen Kernproblem des "gut gemeinten" Amadeus 2009: Durch die Szeneneinbindung läuft man Gefahr, an der "breiten" Öffentlichkeit völlig vorbei zu arbeiten und den Preis erst recht in der Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen. Und warum? Weil diese keine österreichischen Stars hat, mit denen sie eine Identifikation herstellen könnte. Allerdings war das schon bisher das Problem der Preisverleihungen. Mit Christina Stürmer fehlt der einzige echte Star in der Nominiertenliste vollständig, was je nach Befragtem mit Unverständnis und Amüsement zur Kenntnis genommen wird.

Trotzdem: Der Schritt war notwendig und womöglich der einzig richtige. Der Mut, die Szenen in die breite Öffentlichkeit zu tragen, erfordert aber trotz aller Web2.0-Applikationen eine Medienlandschaft, die dies vervielfältigt.

In zehn Jahren Amadeus habe ich noch nie so sehr kopfnickend die Nominierungen im "Pop"-Fach (und anderen) goutiert. Es wäre schön, wenn das die hierzulande dominanten Medienhäuser genauso sähen und mitspielen, dem Amadeus die Chance und Zeit geben, tatsächlich Relevanz zu erlangen. Die dadurch zumindest ansatzweise auch entstehbare internationale Wertschätzung ist die einzig mögliche Rutsche, aus dem "Musikland Österreich" tatsächlich wieder ein solches zu machen. Fortsetzung folgt.

www.amadeusawards.at

Samstag, 11. Juli 2009

Zucchini-Carpaccio auf Rucola-Salat

Jaja, ich schreibe zu wenig. Den ständigen, berechtigten Klagen kann ich nur eines entgegensetzen: Das Leben selbst mehr in den öffentlichen Blickpunkt zu rücken. Soll sein. Ich enthülle hiermit also das Geheimnis, dass Kochen, Experimentieren mit Lebensmittel und Geschmacksnuancen, das Zubereiten einer verdienten Abendmahlzeit und all sowas mir Freude bereitet. Mehr noch, es ist ein schöner, entspannender Ausgleich, wenn man so will. Ein Vergnügen, regelrecht, für das ich mir wohl viel zu selten Zeit nehme.

Kurzerhand sei also das gestern servierte leichte Abendmahl verraten.

Zucchini-Carpaccio auf Rucola-Salat

Reichlich Rucolasalat bietet die Grundlage. Eine reife und daher weiche und leckere, in dünnen Scheiben geschnittene Avocado lege ich kreisförmig darüber. Ein paar Stück mittelgroßer Garnelen werden mit Chili und etwas Salz gewürzt und in der Pfanne angebraten. Außerdem dazu: Zucchini-Carpaccio. Mit einem Gemüseschäler lassen sich prächtig dünne Scheiben schneiden, die kurz in der Pfanne mit Olivenöl geschwenkt und mit Pfeffer und Salz gewürzt werden. Der Salat ist also mit warmen Zutaten versetzt, bietet damit noch die optimale Grundlage für etwas geriebenen Schafskäse, der nunmehr die Decke bildet.

Als Dressing nehme ich einen Teelöffel Dijon-Senf, den Saft einer halben Zitrone, Pfeffer und Olivenöl. Gut abgeschmeckt - eventuell noch mit einem Tick Wasser verdünnt - und vorsichtig (spritzerweise mit einem kleinen Löffel) drüber über den warmen Salat damit. Lecker.

für 2 Personen
Rucola-Salat
1 reife Avocado
8-10 Garnelen
1 Zucchini
Feta (Schafskäse)
1/2 Zitrone
Dijon-Senf
Olivenöl, Gewürze

Mittwoch, 24. Juni 2009

Amadeus, Amadeus.

Alle drei bis sieben Leute, die sich außerhalb der "Branche" im heurigen Frühjahr darüber gewundert haben, dass kein "Amadeus Austrian Music Award" stattfand, seien beruhigt: Es gibt ihn noch. Später (am 10. September) und "ganz neu". Neues Team, neues Format und überhaupt.

Mario Rossori, der neun Jahre lang dieses große Fressen mit vorhergehender Statuettenübergabe geschupft hat, wurde gegen ein Konglomerat rund um Michi Gaissmaier ("Heinz"-Sänger) und Niko Alm (Super-Fi) getauscht.

Nun ist dieser Wechsel womöglich gut gemeint, soll ein Signal für Aufbruch, Neustart oder was auch immer sein. Soweit Einblick besteht, schwinge ich mich zu dieser etwas kühnen Beurteilung auf: Mario Rossori war als Auftragnehmer des Veranstalters IFPI (des Industrieverbandes) oft in der Bredouille, nach den Wünschen und Vorgaben der alten Granden in diesem Gremium zu werken. Und - ich spekuliere: Die waren wohl nicht selten einigermaßen weltfremd. Große TV-Show mit großen internationalen Stars, großer Bedeutung und großem Interesse - als Wunsch gut und schön, aber als Realität wäre das in etwa der Versuch des SV Mattersburg, Champions League zu spielen. Es fehlte vielmehr an echter Substanz im (nationalen) Pop-Fach - etwas, woran die Industrie selbst die Hauptschuld trägt.

Das neue Team hat hingegen den Startbonus genutzt und lange genug "Neubeginn" gerufen, bis man ihnen genau diesen gewährt. Deshalb hat der "neue" Amadeus auch eine faire Chance verdient. Grundsätzlich positiv ist das Weglassen internationaler Kategorien, die weder hierzulande noch für die Shakiras und Pinks dieser Welt irgendein Gewicht oder einen Sinn hatten. Positiv demzufolge auch die beabsichtigte, verstärkte Zuwendung zu "künstlerisch wertvollen" Produktionen und eine etwas breiter gefächerte Genreaufteilung.

Der eine oder andere Teufel steckt in den Details. Bislang wurden die fünf aus den jeweiligen Kategorien Nominierten durch ihre Hitparaden- und Verkaufswerte "legitimiert", um sich in der Folge einer 400-köpfigen Branchenjury zu stellen, die aus mitunter etwas seltsam anmutenden Listen ohne wirklich (für die Juroren) relevanten Vertretern den Sieger bestimmt haben.

Nun sollen jeweils 20 "Fachleute"fünf Nominierte in ihren jeweiligen Genres bestimmen - ich selbst "darf" als einer dieser Auserwählten in der Jury "Alternative/Rock" vorwählen. Dann greift das Publikum ein und wählt den Sieger via Internet-Abstimmung. Der Prozess wurde also in gewisser Weise umgedreht - und wird daher ein waghalsiger Kompromiss.

Man vermeidet es ein echter "Kritikerpreis" zu sein, wohl um dem Argument vorzubauen, man binde das Publikum nicht ein. Das Publikum aber ist ohne TV-Partner (wie es derzeit aussieht) ohnehin schwer in Mengen zu einer Mitwirkung zu bewegen sein (was in jedem Fall schade ist). Und es wird wohl mit der Kritikerliste in manchen Fällen ebenso wenig anzufangen wissen, wie seinerzeit die Branchenfuzzis mit von Teenagern in die Wertung gekauften Singles künstlicher Popsternchen von wenig künstlerischem Belang.

Zudem ist die Jury natürlich wiederum eine sehr eng besetztes Gremium, aber kein wirklicher Entscheidungsträger. Und eben keine Kritikerjury, sondern vielmehr ein Abbild der Branche selbst - also nur eine eingeschränkte Form der "alten" Jury. Warum ich als direkt Beteiligter, als Vertreter von Künstlern aus diesem Genre in dieser Jury sitzen soll und darf, ist mir ein klassisch österreichisches Rätsel. Wohl sind auch Kollegen von befreundeten Labels vertreten - doch das macht es nur seltsamer: Taktisch wählen für die "eigenen" Künstler? Sie bewusst weglassen, obwohl man sie "neutral" für die besten hielte? Nein, diese Gedanken sollten keine Rolle spielen müssen - in Wirklichkeit sollte das Urteilen Journalisten und Fachleuten "von außen" überlassen werden.

Die Genre-Verteilung ist dann der vielleicht letzte gebliebene Rest der bisherigen Gepflogenheiten, sich der Marktmacht zu ergeben. Während Schlager und Volkstümliche Musik zwei getrennte Genres bilden, deren Unterscheidung man an der Liste der Jury-Mitglieder erkennt (es sind zu 90% die selben), ärgert sich die nicht kleine Jazz/World/Blues-Fraktion zurecht über ein gigantisches Sammelsurium in ihrem Genre. Problematisch wird insofern auch die (wiederum an sich gut gemeinte) Freiheit, dass die Jury-Mitglieder selbst bestimmen, was sie "ihrem" Genre zuordnen würden.

Mitte Juli werden wir schon etwas mehr wissen, dann werden die Nominierten (also die Resultate der Jury-Wertungen) bekannt gegeben, dann steigt die Öffentlichkeit in den Ring. Ohne große TV-Vermarktung und so, dafür mit Focus auf Mitbestimmungsrecht durch Web 2.0-Applikationen. Aber dazu ein andernmal mehr. Ich werde naturgemäß den Entwicklungsprozess dieses erneuerten österreichischen Musikpreises weiterhin aufmerksam verfolgen und kommentieren.

http://www.amadeusawards.at/amadeus-neu/jury/

Freitag, 8. Mai 2009

Alles oder nichts.

Ich bin gerade auf Einladung des Popbüros Baden-Württemberg in Stuttgart, um hier im Rahmen der jährlichen „Pop Open“ mit Kollegen aus der Schweiz und Deutschland über das „360°-Modell“ zu diskutieren.

Ich war mir von Anfang an nicht sicher, ob ich mich deswegen eher geschmeichelt oder angegriffen fühlen sollte – schließlich hat man mich hier als offenkundigen Befürworter und Praktizierer dieses „bösen“, großen, neuen Nonplusultra-Modells der Musikindustrie hergesetzt.

Das 360°-Modell - ein Mißverständnis
Entsprechend habe ich im Zuge der Diskussion mein Geschäftsmodell offengelegt und die Sache erklärt, wie sie aus meiner Sicht wirklich ist. Wir waren uns schnell einig, dass man das „360°-Modell“ wohl für jeden etwas anders zu definieren ist. Zusammenfassend kann man sagen: Das Geld an einer Stelle wird knapp, vor allem die großen Plattenfirmen begreifen, dass sie es sich woanders holen müssen, wenn sie überleben wollen. Das ist natürlich legitim, denn niemand sieht gerne tatenlos zu, wie sein Geschäftsfeld stirbt und wartet genüsslich auf den Tod.

Das Fremdwort Nachhaltigkeit.
Das Problem der "Großen" ist aber nicht ihre Geschäftsstrategie (sich nach und nach Merchandising-Companies oder Bookingagenturen ins Boot zu holen), sondern liegt weit tiefer. Und die Konkurrenz aus benachbarten Feldern wie dem Veranstaltungswesen begreift ihre zusehends dominantere Rolle schnell und vielmehr als Machtübernahme (und kauft ihrerseits Plattenfirmen). So haben Unternehmen wie Live Nation plötzlich Rundum-Sorglos-Pakete für Madonna geschnürt und lassen deren ehemalige Plattenfirmen dumm aus der Wäsche schauen.

Wie bei so vielen anderen Beispielen in der schönen, neuen, digitalen Welt lässt sich das Beispiel aber nicht auf das kleine Unternehmen oder die kleine Band herunterbrechen. Denn eine ganz wesentliche Frage lautete hier: Wer sorgt dann in Zukunft für Innovation, für Produktentwicklung, für Künstleraufbau?

Haben in den 80ern und 90ern noch die Plattenfirmen sehr viel Geld in die Hand genommen, um mit horrenden Marketingsummen eine „Marke“ zu schaffen, so besteht diese Möglichkeit aufgrund der Verschiebung des Marktes nicht mehr. Wird Live Nation „Künstler aufbauen“?

Anders.
Und hier kommt das Modell ins Spiel, das wir betreiben. Ich mag das Grad-Dings überhaupt nicht, bevorzuge eher einen Begriff wie „Künstlerentwicklung und –betreuung“. Wir ermöglichen Künstlern, von denen wir überzeugt sind, das Veröffentlichen von Platten – und die dienen immer noch in erster Linie als eine Art Existenzberechtigung gegenüber den Medien. Die Medienarbeit, die im positiven Falle Berichterstattung, Airplay etc. mit sich bringt, hilft die Marke zu kreieren, zu positionieren, zu stärken. Zudem verursacht Airplay Umsatz auf der Urheber- und damit Verlagsseite – und natürlich liefert es gute Argumente, um den Künstler auf eine Bühne zu stellen. Auch dieser Umsatzbringer, das Live-Segment, hat den Nebeneffekt, dass er zusätzlich dem Urheber und Verleger auf das Konto spielt.

All das sind Teile, die ein "entwickelter" Künstler oft oder fast in der Regel an verschiedene Partner, die mitnaschen ausgelagert hat. Ist nun dieser ganze Komplex in einer Hand, bietet das enorme Risken – aber auch größere Möglichkeiten. Das Gesamtvolumen, das wir fähig sind zu investieren, ist aufgrund der vielfältigen Partizipationsmöglichkeiten größer, als würden wir nur einen Teilbereich abdecken. Wird dieses Kapital aus einer Hand gesteuert, kann es zudem weitaus gezielter und kontrollierter eingesetzt werden, einer Gesamtstrategie untergeordnet werden und nicht dem Interesse einer "Plattenfirma", einer "Bookingagentur" oder sonst wem geopfert werden. Es geht darum, dass sich der Künstler als Marke weiter entwickelt - gelingt dies, profitieren alle (und im Übrigen: gelingt es nicht, sitzen wir als allererster in der Patsche, eben weil viel investiert wurde - ein grandioses Druckmittel für uns selber).

Das Wegfallen von Zwischenagenturen vermindert einen Streuverlust in der Kommunikation Künstler – Konsument, die letztlich das Wesentliche ist. Größtes Negativum freilich bleibt das Entstehen einer enormen Abhängigkeit – allerdings ist es ein Irrglaube, würde man meinen, die bestand in anderen Szenarien etwa gegenüber einer Plattenfirma nicht (abgesehen davon haben wir Mechanismen, die dieses Problem versuchen abzufedern).

Paradigmenwechsel.
Und hier setzt die Quintessenz der Stuttgarter Diskussionsrunde an. In den „goldenen Zeiten“ der Plattenfirmendominanz gab es Knebelverträge mit elendslanger Bindung, der A&R war König der Welt, wusste alles bestens, warf seinen Geldbeutel raus und ließ dem Künstler seine Allmacht spüren. Das Geld rauschte (im positiven Falle), der Künstler aber war ein „Produkt“ - und also ein Gegenstand, mit dem man arbeitete.

Durch diese Erfahrungen geprägt, hat die Musikindustrie völlig vergessen, wer das eigentliche Kapital in diesem Spiel ist: Der Künstler. Dies zu verstehen, die Künstler zu respektieren und sich in einer Position wie der meinigen zurück zu nehmen und sich in erster Linie als Dienstleister zu begreifen – daran und an ihren Strukturen scheitern die großen Firmen heute viel mehr als etwa am bösen Downloader vor dem Computer.

Die Angst vor der Demokratie.
Das Geld in der Musikindustrie ist nach wie vor da, es wird bloß anders verteilt. Und die „alten“ Firmen bekommen Angst, weil das Dogma ihrer Marktdefinitionsmacht zerbröckelt. Computer und Internet als potentiell größte Demokratisierungsapparate der Menschheitsgeschichte haben Künstler selbständiger, mutiger gemacht. Selbst produzieren, selbst veröffentlichen, selbst vermarkten – das ist heute möglich – und es sägt natürlich massiv an den Sesseln besagter „alter“ Industrie. Die Allwissenheit und –möglichkeit der Majors ist eine Geschichte von gestern.

Dennoch wird niemand – und meine Erfahrung zeigt: leider schon gar nicht Künstler – mit Know-How und Netzwerken geboren; das „selbst machen“ funktioniert daher natürlich auch heute nur bis zu einem (oder andersrum erst wieder ab einem) bestimmten Punkt. Wir sitzen also als „Musikarbeiter“ an einer neuralgischen Stelle, helfen dort weiter, wo das Vermitteln von Know-How, das Integrieren in Entscheidungsprozesse, das Ermöglichen von weiteren Schritten im Mittelpunkt steht.

Machtumkehr.
Der Künstler, der sich ins Büro setzt und sagt „Ich will ein Star werden“, um in der Folge zu warten, was mit ihm gemacht wird, ist ebenso von gestern. Im Gegenteil: er muss in diesem Modell ein aktiver Part sein. Er pflegt seine Social Networks, er ist der einzige, der authentisch vermitteln kann, wo die Reise hingehen soll. Also soll er, bitte! Labels, Verlage, Booker - sie werden trotzdem ihren Part spielen, der sich nun eben ein wenig anders gestalten muss als noch vor fünfzehn Jahren. The Times They Are A Changing. Die Menschen rund um ihn, die „Experten“, übernehmen den „professionellen“, wirtschaftlichen Teil dieser Mission; sie sind aber vorwiegend Begleiter, vielleicht Wegweiser.

Dieses neue Künstlerbild muss erst noch wachsen und in den Köpfen der Industriemenschen Platz finden – und, wenn man mir dies gestattet: Es wäre höchste Zeit. Eine Bindung wie diese setzt freilich enormes Vertrauen und einen großen Willen zur Fairness voraus. Dass das in klein gehaltenen Zellen wie unserer viel einfacher zu bewerkstelligen und kontrollieren ist, steht außer Zweifel. Und wie ein Schweizer Kollege anmerkte: das ist der schwerste Part, denn diese Industrie hat gelernt, sich wechselseitig so lange zu bescheissen, bis es jeder als normal empfindet, auch zu bescheissen.

Montag, 19. Januar 2009

Obama.

Nun ist er also wirklich Präsident.
Allerorten wird von einer Zeitenwende und vom historischen Moment erzählt - und selbst so manch kühler Analytiker kriegt angesichts der Berichte und Geschehnisse rund um die Amtseinführung des 44. amerikanischen Staatsoberhaupts Gänsehaut.

Trotzdem. Hierzulande mischt sich in die bisweilen etwas seltsam anmutende Euphorie auch das klassische Jammern: Obama triefe bloß vor Pathos und Symbolik, werde die Erwartungen aber nie und nimmer erfüllen können; er ist ja doch nur eine Puppe im Theater der selben Akteure wie früher; der Hype um seine Person, seine Töchter, die Mode seiner Frau, seinen Blackberry, seinen zukünftigen Hund und seine Köchin ist überzogen, furchtbar und frei von jeglicher Bedeutung - und so weiter.

Doch genau gegen diese Jammerei stellt sich Obama mit allem was er hat: Seiner Redekunst (und die Redenschreiber und PR-Berater, die ihn davor schon zum Vorwahl- und Präsidentschaftswahlsieger gemacht haben).

Auch nur ein Mensch
Wenn man näher über Politik als solche nachdenkt und sich sachte von der naiven Vorstellung entfernt, ein Mann/eine Frau könne "diesen Job" (alleine) machen und alles hänge von ihm/ihr ab, wird klar: Er/Sie ist der Nachrichtenüberbringer, der Verkäufer. Er mag die eine oder andere Route vorgeben und Idee haben, letztlich ist es aber immer ein großer Stab an Leuten, die entscheiden müssen. Und ja: Auch Politiker sind nur Menschen. Selbst Barack Obama ist kein gottgesandter Messias - was er bei seiner holprigen Eidesformel (die er sich nicht merken konnte) ein bisserl peinlich bewiesen hat.

Aber die Menschen hoffen gerne, sie wollen gerade in Krisensituationen eine Schulter zum Anlehnen, eine Figur zum Aufschauen, einen Retter, einen Führer. Das kann sehr gefährlich sein, wie uns die Geschichte gelehrt hat, das kann aber auch eine große Chance sein. Was Persönlichkeiten wie Obama zu einer solchen Figur macht, ist im Wesentlichen aber bloß: Redefertigkeit.

Angst oder Zuversicht.
Obama weiß, welch wichtige Rolle "der Kopf" spielt. Bestätigung findet er in der aktuellen Lage der Wirtschaft - eine Krise, die durch den Kopf ("Fantasie"-Geschäfte) entstanden ist und die im Kopf (Angst) wächst. Warum sollte man sie nicht auch mit dem Kopf (Hoffnung, Zuversicht) bewältigen können?

Ängstliche Menschen geben in Zeiten wie diesen kein Geld aus und treiben also die Wirtschaft nicht an. Zuversichtliche, positive, hoffnungsfrohe Menschen schon (... sogar der Washington-Tourismus zur Inaugurationsfeier hat das gezeigt). Das vermittelte Gefühl, dass jeder etwas für eine "bessere Welt", für den Aufschwung, für die Veränderung tun kann und muss, erlebt ein Revival. Kennedy sagte einst: "Fragt nicht, was der Staat für euch tun kann; fragt, was ihr für den Staat tun könnt". Obama übersetzt diese Formel in die rhetorische Neuzeit.

Die Neo-Cons der Bush-Administration haben der These "Die Menschen sind dumm" entlang gearbeitet. Es war ihnen daher ein Leichtes, ihnen Angst zu machen, um ihnen gleichzeitig vorzugaukeln, sie beschützen zu können und sich an den Gründen der Angst (Terroristen) zu rächen. Das sollte den Inlandskonsum und den Patriotismus (und damit die Quasi-Abhängigkeit von Militär und deren vorwiegend republikanischen Machthabern und Einflüsterern) antreiben. Das Prinzip wird alleine der Wortwahl "Fear & Consumption" wegen wenig schmeichelhafte Erinnerungen hinterlassen.

Obama dreht den Spieß um und sagt: Okay, wenn die Leute tatsächlich dumm sind (oder sich gerne als dumm verkaufen lassen), dann treiben wir sie doch wenigstens mit Hoffnung und Zuversicht zu Konsum. Und natürlich braucht es dazu Show und Rhetorik, ein bisschen Glamour und NLP als Mittel zum Zweck. Die Kritiker und Jammerer also frage ich: Ist es nicht legitim, die "Waffen" der "dunklen" Seite zu gebrauchen, um damit etwas Positives zu bewirken?

Monster
Ein bisschen erinnert das Ganze an den Trickfilm "Monsters., Inc.", bei dem furchterregende Monster des Nächtens in Kinderzimmer eindringen und die Kleinen erschrecken - denn ihr Geschrei ist Energiespender, quasi der Strom für die Monsters-Zentrale. Zum Ende stellt sich heraus, dass das auch mit Späßen funktioniert und auch das Lachen der Kinder Energie erzeugt - und zwar sogar deutlich mehr.

Ich habe mir anlässlich der Inauguration alte Antrittsreden auf Youtube herausgesucht und fest gestellt, dass ein George Bush, ein Bill Clinton, ein John F. Kennedy oder ein Ronald Reagan im Wesentlichen immer vom Wechsel, von Erneuerung, von Neuanfang und von Veränderung gesprochen haben - und somit relativiert sich auch die gute Rede Obamas. Der Unterschied war, wie diese Rede aufgenommen und rezipiert wurde.

Und damit komme ich zurück zum Punkt: Die Macht des Wortes ist eine bisweilen deutlich unterschätzte. Um sie zu verstehen, muss man sich letztlich aber nur zwei Beispiele aus der Geschichte hervorholen: Auch Jesus war letztlich "nur" ein brillianter Redner. Er hat damit zweifelsohne viel bewirkt. Und dann war da im letzten Jahrhundert noch der Mann aus Braunau mit dem komischen Bart. Was über die Person selbst wirklich bekannt ist, lässt den Schluss zu: Er war an sich bloß ein klassischer Loser mit kruden Ideen. Er war leider auch ein mitreissender Redner.

Die Macht des Wortes ist eine bisweilen deutlich unterschätzte.
Möge Obama mit seiner Mannschaft sie richtig nutzen.

Montag, 5. Januar 2009

Das Jahr 2008.

Es ist reichlich spät und höchste Zeit, das Jahr 2008 nochmal rasch Revue passieren zu lassen. Das gehört einfach dazu, ehe der geistige Zustand es erlaubt, sich vollends dem neuen Jahr - dem letzten des ersten Jahrzehnts des Milleniums - zu widmen. Ich schreibe das hauptsächlich einmal für mich, aber ihr seid herzlichst geladen, mitzudenken und zu -streiten über die Ereignisse anno 2008. Schon in geringer zeitlicher Distanz wird das hier "übrig bleiben".

Öl, Immobilien, Kreditkarten.
Der Ölpreis steht mit seiner absurden Preisrallye - zunächst im Sommer bis auf über 140 Dollar, zuguterletzt auf unter 40 - für die sich immer mehr zuspitzende Groteske namens Weltwirtschaft. Doch die ist kräftig auf die Nase gefallen - und der einigermaßen neutrale Beobachter kann eine Portion Schadenfreude mitunter nicht verbergen. Sie hat sich in den letzten Jahren immer mehr um Spekulationen, um Finanzjongliererei und um Wettspiele gedreht und dabei auf die unendliche Konsumgeilheit einer Menschheit gezählt, die sich das in Wahrheit gar nicht leisten kann. Und somit scheitert dieses mitunter pervers anmutende System an seiner eigenen Überheblichkeit, Naivität und Gier. Als Konsequenz bestätigen sich ethisch-moralische No-Na-Lehren aus den letzten paar hundert Jahren Menschheitsgeschichte. Als erste Grundsatzlektüre in betriebswirtschaftlichen Universitätsfächern empfiehlt sich daher künftig etwa Goethes Faust.

Fritzl, Haider, Obama.
Mehr Kopfschütteln? Aber bitte: Dass der wirtschaftliche Werteverfall im menschlich-emotionalen Bereich zu toppen ist, beweist das niederösterreichische Städtchen Amstetten, dessen traurige Berühmtheit es einem Wahnsinnigen zu verdanken hat. Die Unvorstellbarkeit der Taten von Josef Fritzl lässt die Größe des Universums geradezu greifbar erscheinen. Auf der anderen Seite der Alpen beweist ein Politiker seine "Menschlichkeit" auf fast tragikomische Weise: Mit 1,8 Promille, 142km/h und der entsprechenden Vorgeschichte in eine Ortstafel zu rasen und hernach als Quasi-Heiliger in den Kärntner Himmel entsandt zu werden, dass bedarf eines Jörg Haider. Wie man auch zu ihm stand, "prägend" war diese Figur in der hiesigen Politik allemal - nicht zuletzt auch in seinem letzten, großen Wahlkampf für die Nationalratswahl 2008 - die weniger erinnerungsträchtig ist und letztlich nur "more of the same" gebracht hat. Ganz anders in den USA, wo mit Barack Obama eine perfekt kommunizierte und kommunizierende Lichtgestalt zum Präsidenten gewählt wurde. Er wird seine Tonnen geernteten Lorbeers eher als Steigbügel denn als Ruhekissen nutzen müssen, um sich, seinem Land und der ganzen Welt einen kleinen Prozent dessen liefern zu können, was von ihm erwartet wird - und es ist zu hoffen, dass er dabei Erfolg hat. Sei´s wie es sei: Drei Personen, die auf unterschiedlichste Weise noch lange mit dem Jahr 2008 und seinen Geschehnissen in Verbindung stehen werden.

Euro, Olympia, Kohl.
Im Sport picke ich ebenso einmal drei Ereignisse heraus, die prägend waren: Die Fußball-Europameisterschaft in Österreich - getragen von Hoffnungen und Erwartungen sportlicher wie wirtschaftlicher Natur - war in all diesen Belangen letztlich typisch österreichisch: Irgendwie eh ok, wenn man genauer hinsieht eine Enttäuschung. Die Olympischen Spiele in Peking habe ich nur am Rande mitbekommen, aber die Umrahmung des sich gebotenen Bildes war eben die chinesische Fassung des modernen Kommunismus - die Eindrücke aus meinem dezemberischen Vietnam-Aufenthalt waren erschreckend ähnlich. Wie gemein bis dummdreist Sport(ler) sein kann (können), bewies schließlich ein gewisser Bernhard Kohl. Vielleicht hat er die roten Punkte auf seinem Trikot, dass er während der Tour de France getragen hat, für Masern gehalten - und deshalb seinem Körper Medikamente zugeführt, die nicht so wirklich ins Blut eines Radfahrers gehören. Ob Systemfehler, Täter oder Opfer: Wen interessiert das wirklich?

Hansi Lang, Christoph Moser, Heath Ledger.
Dass mit fortschreitendem Alter auch mehr Menschen aus dem Umfeld aus dem Leben scheiden, ist trauriges wie logisches Faktum. 2008 aber gab es Todesfälle in unmittelbarer Nähe, von nicht sonderlich alten wie auch wirklich jungen Menschen, die in Zukunft fehlen werden. Einigermaßen öffentlich wurde die Trauer um Christoph Moser (der just vor meiner Abreise nach Vietnam ebendort verunglückte), den langjährigen Vertriebsleiter von Hoanzl und eine der bedeutendsten Figuren in der österreichischen Musikszene. Tragisch war das Ableben von Hansi Lang (Schlaganfall im Studio) oder Heath Ledger ("unabsichtliche" Medikamenten-Überdosis im Zuge der Arbeit zu "The Dark Knight"). Eine leider viel zu lange Liste der "öffentlichen" Todesfälle hat Hermes erstellt.

Kid Rock, Jason Mraz, Chinese Democracy.
Musikalisch entwickelt die Musik mehr und mehr Gestrigkeit - oder es fällt im Alter von über 30 einfach leichter auf, was man schon alles gehört hat im Leben. Die Trendheischer spielen immer noch fett 80er - auf den Fotos, den Flyern, den Hosen und Röcken, und in der Musik selbst. Der wirklich kreative Stoff geht ihnen aber aus. Die großen Neuerer sucht man 2008 ziemlich vergebens, Acts wie MGMT oder Hot Chip waren maßgeblich, aber schon letztes Jahr als solche vorhersehbar (siehe Rückblick 2007). Die hippe Welt wartet demnach auf einen Aggressionsausbruch á la Grunge, um sich vom sich immer mehr ins Kitschig steigernde zu befreien. Die Weltwirtschaftskrise spricht eher für noch mehr Schmalz und Knallfarbe - trotzdem: Kommt 2009.

Ansatzweise ´08 kam zumindest schon das Revival des trivialen Techno-Schlagers - ein erster Vorbote auf das Wiedererwachen der frühen 90er. "Drei Tage wach", anyone? Auch seltsame Duettkonstellationen kennt man aus dieser Zeit - Alicia Keys & Jack White hätte man vor zwei Jahren nicht so schnell auf demselben Song vermutet, James Bond und die EURO (hat letztlich "Seven Nation Army" mit ein paar Jahren Verspätung sprichwörtlich Stadiontauglichkeit beschert und Herrn White unabsichtlich wie widerwillig in die erste Mainstream-Liga katapultiert) habens bewirkt.

Aus den "echten" Charts einigermaßen übrig bleiben wird der große kommerzielle Wurf, den Kid Rock mit seiner zusammengefladerten Nummer "All Summer Long" landete (meistverkaufte Single des Jahres); oder der erste Coca Cola-Song seit zwanzig Jahren, der wieder die Charts toppte (Jason Mraz´ "I´m Yours"); der spät aber doch erfolgte Anerkennungsschub für Amy Winehouse (bestverkauftes Album in Österreich 2008: das fast zwei Jahre alte "Back to black"); deren Trittbrettfahrerin Duffy ("Mercy"); und wohl auch die nervige, aber clever vermarktete Braves-Girlie-macht-auf-böses-Mädchen-Nudel Katy Perry ("I Kissed A Girl").

Österreichisches verschafft sich immer mehr Aufmerksamkeit und es brodelt mittlerweile ordentlich an allen Ecken und Enden. Ob wir allerdings je erleben, dass Ö3 hier ein wenig mehr Mut entwickelt und nicht nur auf (halt jetzt einen Deut mehr) Durchschnittsware zurückgreift, bleibt jedoch fraglich. Ich prophezeie dennoch die große "Explosion" des einen oder anderen Acts 2009.

Zuguterletzt meine persönlichen Ohrwürmer aus diesem seltsamen Jahr, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Genialität oder massiver künstlerischer Besonderheit.

01 Sex On Fire / Kings Of Leon
02 Falling Slowly / The Swell Season
03 Oxford Comma / Vampire Weekend
04 That´s Not My Name / The Ting Tings
05 Jigsaw Falling Into Place / Radiohead
06 I Can See You / Rex The Dog
07 I Will Possess Your Heart / Death Cab For Cutie
08 Don´t Mess / Juvelen
09 Ready For The Floor / Hot Chip
10 Heartbeat / Nneka
11 Quizshows / Ja, Panik
12 None Of The Above / Paper Bird
13 Back In Your Head / Tegan & Sara
14 Time To Pretend / MGMT
15 Dance Wiv Me / Dizzee Rascal ft. Calvin Harris
16 Somewhere Else / Asha Ali
17 You Don´t Know Me / Ben Folds & Regina Spektor
18 I Woke Up Today / Port O´Brien
19 Architect / dEUS
20 Gospel With No Lord / Camille
21 Dancing Ships / Francis International Airport
22 Det Snurrar I Min Skalle / Familjen
23 Five Years Time / Noah And The Whale
24 White Winter Hymnal / Fleet Foxes
25 Because / Madita

Alben auf Dauerrotation
01 Vampire Weekend / Vampire Weekend
02 In Rainbows / Radiohead
03 The Taste And The Money / Ja, Panik
04 Only By The Night / Kings Of Leon
05 Obituary For A Lost Mind / Marilies Jagsch

Donnerstag, 1. Januar 2009

Indiana T. und der letzte Kreuzzug

Noch zwei Tage stehen uns auf südostasiatischem Boden ins Haus - und die stehen bereits intensiv im Schatten der Heimreise. Wir nehmen den Bus von Luang Prabang nach Vientiane. 8 Stunden soll er für die idyllische Strecke auf der einzig wirklich gut ausgebauten Straße des Landes, der "Road 13" brauchen.

Der Name "VIP Bus" darf nicht über das Faktum hinwegtäuschen, das wir in einem nicht ganz neuen Modell eines chinesischen Busunternehmens sitzen, als wir kurz vor 9 das Transportmittel unserer Wahl besteigen. Immerhin gibts Air Condition, einen Fahrer, eine kleine Gratisration Trinkwasser und eine buseigene Toilette - und wir Glückspilze haben noch dazu die Plätze direkt beim Abgang dorthin erwischt. Die eher grausigen Details dieses Abortes erspare ich euch, der Geruch war lästig genug. Und die Strecke, die war wirklich idyllisch wie ein Donauwalzer zu Neujahr. Vor allem fühlte sich die Fahrt durch nicht gezählte, aber gut geschätzte 7500 Kurven bei tausenden Höhenmetern auf und ab auch ein bisschen wie eine Busfassung davon an.

Der wirklich wunderschönen Urwaldlandschaft, der beeindruckenden Berge und vielen Eindrücke zum Trotz ist mir jedenfalls etwas passiert, was mir noch nie davor passiert war: Reiseübelkeit. Nach zwei Stunden, in denen es mir blendend ging, wars mit der guten Laune vorbei. Und da der Trip anstelle von den angekündigten acht letztlich ELF Stunden gedauert hat, war dieser Tag prächtig lang für mich, während meine werte Reisebegleitung sanft schlafend Erholung fand. Uha.

Angekommen in Vientiane gings quasi direkt ins Bett, der nächste Tag sollte auch noch anstrengend genug werden. Wir kommen pünktlich zwei Stunden vor dem geplanten Ablfug nach Hanoi am Flughafen an und wollen einchecken, als wir mit der Neuigkeit konfrontiert werden, dass wir für den Rückflug noch ein Visum brauchen.

Drei Quellen hatten uns im Vorfeld unabhängig voneinander bestätigt, dass dies nicht der Fall sein wird, weil wir über Hanoi und Ho-Chi-Minh-City als Transitpassagiere direkt nach Frankfurt und von dort nach Wien weiterfliegen sollten. Und diese Quellen waren u.a. die Fluglinie Vietnam Airlines selbst. Nun aber machte man uns mit der uns bereits bekannten laotischen Gemütlichkeit (in diesem Fall eindeutig was negatives) klar, dass das so nicht sei, weil wir innerhalb Vietnams von "International" auf "Domestic" wechseln müssen. De facto hieß das am Flughafen Hanoi auschecken, einen Stock tiefer gehen und wieder einchecken. Und dafür noch ein Visum??? Wir wollen schon die österreichische Botschaft einschalten, doch haben wir übersehen, dass es in Laos kein Roaming für unser Netz gibt.

Und so wird heftig gestritten - unser ursprüngliches Vietnam-Visum war bei der erstmaligen Ausreise aus dem Land natürlich "gebraucht" und damit trotz Dauer bis 7.1. abgelaufen. Nun standen wir ganz schön blöd da, ging es doch darum, auch die jeweiligen Anschlußflüge in drei weiteren Städten zu erwischen. In Wien dauerte es drei Tage, ein Visum für Vietnam zu erhalten, und kostete enorm viel Geld (72 Euro!). Die Erklärung, wir sollten uns doch einfach in der Botschaft noch ein Visum besorgen und drei Tage anhängen, macht mich entsprechend gebuchter und bestätigter Flugtickets also eher rasend.

Während mein Aggressionspegel und meine Lautstärke zusehends mehr wurden, hebt unsere Maschine nach Hanoi ab - ohne uns, denn wir würden ohnehin nur wieder auf eigene Kosten nach Vientiane abgeschoben werden (!).

Glücklicherweise gab es um 18:10h noch eine Maschine und unsere lautstarken Beschwerden haben beim nicht besonders fähigen Personal in Vientiane zumindest dazu geführt, dass wir auf diese Maschine umgebucht werden. Nutzt aber ohne Visum nichts. Vor allem, weil der Flug Hanoi-HCMC um 18:35h geht und damit naturgemäß versäumt werden würde. Doch auch da gibts einen zweiten Flug um 20:35h. Allerdings könne er die Tickets dafür nur auf Standby kriegen und uns keinen Platz im Flieger garantieren, sagt uns der Laos-Vertreter von Vietnam Airlines. Und Visum haben wir ja ohnehin keines.

Vielleicht fliegen wir einfach einen Tag später direkt nach Ho-Chi-Minh-City, dann bräuchten wir nicht auf Domestic wechseln und damit auch kein Visum beantragen? Nein, erkläre ich ihm, denn da gibt es keine Anschlußflüge nach Europa - für weitere vier Tage. Und über Hanoi nach Frankfurt fliegen, am nächsten Tag? Geht auch nicht, weil der Flug bereits voll ist und von uns extra bezahlt werden müsste... ich denke ja gar nicht daran!

Zwölf Flüge hatten wir bis dahin bereits mit dieser Airline gebucht, erkläre ich dem schon leicht nervösen Herren. Und dann dieser Fauxpas. Unser nunmehr schon ständiger Begleiter am Flughafen hat jetzt aber erstmal Hunger und geht in Mittagspause. Laotische Gemütlichkeit, eh scho wissen. Nach seinem Mahl hat ers aber dann doch auch eilig. Normalerweise träte er seinen Dienst erst um 15:30h an, erklärt er uns, aber in unserem Fall hat er eh schon eine Ausnahme gemacht. Und daher, bietet er uns an, flitzt er zur Botschaft - er kennt da wen - und besorgt uns ein Express-Visum. Kostet nur 60 Dollar und geht schnell.

Weil uns nicht viel Zeit und noch weniger Wahl bleibt, schicken wir ihn mit unseren Pässen und dem Geld fort, warten fast zwei Stunden und werden auch schrittweise nervöser. Doch er kommt tatsächlich zurück und wir können die wahnwitzige Reise antreten. Zweitoptionsflug nach Hanoi, dort 80 Minuten um auszuchecken, Immigrationsstelle passieren, Gepäck holen, in den anderen Terminal rein... und dann draufkommen: Wir haben ja noch gar keine Tickets! Der Schlaumeier konnte uns diese ja nicht umbuchen und bestätigen!

Glücklicherweise ist das Personal in Vietnams Hauptstadt freundlich, hilfsbereit und auch ein wenig unbürokratischer. Ein paar Minuten des Bangens während des Hörens vietnamesischer Diskussionen zwischen dem Airlinepersonal später haben wir tatsächlich einen Flug umgebucht. Was für ein Spektakel ein für Europäer so normales Unterfangen doch sein kann. Kurz vor Ende der Check-In-Zeit schaffen wir es also, unser Gepäck nunmehr bis Wien durchzuchecken und in den Zweitoptionsflug nach HCMC zu setzen.

Dort angekommen, bleiben uns wiederum nur 70 Minuten Zeit, um vom Domestic in den International Terminal zu wechseln, formell wieder aus Vietnam auszureisen und unser Visum den verwunderten Behörden nach zwei Stunden Vietnam-Aufenthalts wieder abstempeln zu lassen. Und das klappt genau in der Zeit, sodaß wir tatsächlich kurz vor Mitternacht und also Jahreswechsel in der richtigen Maschine nach Frankfurt sitzen. Hallelujah!

Erschöpft und erleichtert stellt Nora fest, dass diesmal im Gegensatz zum Anflug keine Kleinkinder unter den Passagieren zu sein scheinen und wir uns eine Portion Schlaf gönnen können. Sie hatte jedoch einen kleine Quälgeist übersehen, der nicht sonderlich gut aufs Fliegen zu sprechen scheint - und justament drei Reihen vor mir sitzt und den ganzen 13stündigen Flug durchschreit, als wäre es eine Opernaufführung perpetuum mobile.

Ankommen tun wir trotzdem, und erwischen sogar auch den letzten Anschlußflug nach Wien - gerade noch. Das wir in der Zwischenzeit achtmal durch alle Zeitzonen durch Neujahr gefeiert haben hätten können - wurscht. Dahoam is dahoam.

Ausgewählte Fotos aus vier Wochen Südostasien.