Donnerstag, 27. Dezember 2007

2007 im Rückspiegel

Das Jahr geht zu Ende, der obligate Rückblick ist fällig, damit wir auch in fernen Zeiten noch wissen, was von 2007 "picken" geblieben ist und was nicht. Here we go.

Es war ein ausgesprochen buntes Jahr mit vielen Ups und Downs, wie das halt so ist im Laufe von 365 Tagen. Musikalisch haben sich die Prophezeiungen von 2006 allemal erfüllt. Der Hype-Hype flaut allmählich ab, die Deutschpop-Blase ist geplatzt, aber das deswegen gleich alles besser und erträglicher wäre, geht sich natürlich auch nicht aus, weil der neueste Trend schon wieder voll da ist.

Anno 2007 nennt sich der unbestritten "Emo". So sehr mir persönlich die ganze Chose unter diesem Banner am Allerwertesten vorbeigeht, so wenig ist sie wegzuleugnen, schließlich leben wir in einer trendbestimmten Welt. Freilich sind die Zeiten kurzlebig, und "Emo" hat, kaum wirklich "oben", seinen Zenith auch schon erreicht oder gar überschritten, sprich: haben wir bald wieder hinter uns.

Das erwähnte Phänomen, was es bewirkt, wie es rezipiert wird und wie damit in der "Masse" der Jugendlichen umgegangen wird erinnert mich frappant an das Ausschlachten der "Grunge"-Welle vor gut 15 Jahren. An ihrem Höhepunkt, so rund um 1992-1994, hatte man gefälligst Holzfällerhemden zu tragen. Als "Generation X"-Kids hatte man nicht an die Zukunft zu glauben, sondern alles für schlecht und traurig zu befinden. Als sich Kurt Cobain sich ins, ähm..., Nirwana beförderte, gab es dann kein Halten mehr, die "Szene" hatte ihren Helden, ihren Quasi-Märtyrer. (Pop-)Kulturell ist dabei letztlich ein klein wenig davon übrig geblieben, aber wie auch jetzt ist die Sicht der Dinge eine etwas verklärte, überzeichnete - nicht zuletzt ob der Massenrezeption zwischen Xpress und Kronen Zeitung, die da stattfindet.

Seit auch des Kanzlers Tochter sich für einen "Emo" hält, schwarzen Kajal benutzt und von vornherein einmal traurig ist, ist das Thema selbst am Boulevard nicht mehr verpönt und "News" bemüht sich, unsere "verkommene Jugend" zu verstehen. Und wenn der Schmalztopf sich über das Thema ergießt und der daraufhin als Plain White T´s in die Hitparaden nach oben kraxelt... ja mei. Wie gesagt: Hatten wir doch alles schon mal. Die Geschichte wird darüber richten, wer in zehn Jahren noch von den Epigonen der diversen Chemical Romances oder Billy Talents "übrig" ist.

Zu Wesentlicherem. Es gab trotz allem ja dann doch auch heuer wieder ein paar herausragende musikalische Momente. Besonders stark in Erinnerung bleiben wird mir persönlich das Arcade Fire-Konzert im Gasometer - mein erster "Gottesdienst" mit/bei den Kanadiern. Kraft, Emotion, Glaubwürdigkeit, Botschaft - eingehüllt in recht viel Pathos, aber ganz und gar nicht peinlich. Unfassbar gut! Dass "Neon Bible" ein großartiges Album ist, aber mangels Überraschungseffekt nicht ganz an den Vorgänger "Funeral" heranreicht, hat sich mittlerweile ja schon fast als Common Sense etabliert. Aber bitteschön: Wenn noch fünf Alben dieser Qualität nachkommen, bin ich auch nicht böse.

Ebendort auch, im ausverkauften Gasometer, nur schon im Frühjahr, ein einigermaßen starkes Bloc Party-Konzert. Eigentlich ja auch so eine Band, die ein wenig vom Hype bei den Kiddies profitierte. Wieviel wohl davon "die Botschaft" verstehen? Jedenfalls haben die Engländer zuwege gebracht, das "schwierige" zweite Album bravourös rüberzubringen, und mit "The Prayer" eine Zeitgeist-Hymne zu schaffen, wie sie prototypischer nicht sein könnte für dieses Jahr. "Lord give me grace and dancing feet, and power to impress." Und die Kiddies tanzen...! Weil der bombastische Start des Songs mit Drum´n´Bass-Anleihen, das seltsam-faszinierende Video und das sehr überzeugende Charisma von Kele Okereke da auch bei mir die Wirkung nicht verfehlt hat: eine meiner persönlichen Singles des Jahres.

Wie überhaupt diese Single so ein wenig auch die Speerspitze eines weiteren Trends war: Electrorock. Von mir aus auch Nu Rave oder wie auch immer man es nennt. Jedenfalls ist es plötzlich nicht mehr verpönt, die einst so massiv abgegrenzten Welten des "Indie" mit jenen des elektronischen, tanzbaren, minimalistischen, technoiden der Clubs zu vermengen. Die Eheschließer, Brückenbauer und Trendsetter waren in dieser Wiedergeburt des Beats Bands wie Datarock ("Fa, Fa, Fa!" - noch so ein Kracher!), Simian Mobile Disco ("It´s The Beat", wie es so schön heisst...) Justice ("D.A.N.C.E." mit sehr witzig-originellem Video) oder Hot Chip, Digitalism oder - gitarriger - etwa die Klaxons. Lustig dabei auch, dass die Großväter dieser Musikfamilie, die Chemical Brothers, die Zeiten übertaucht haben und zehn Jahre nach der ersten großen Zeit des "Big Beat" immer noch da sind (sehr witzig: "Salmon Dance").

Das deutet auch sachte darauf hin, dass wir, wenn wir zyklusmäßig rekapitulieren, jetzt schon wieder Anfang der 90er Jahre sind (vgl. Emo - Grunge oben): Das minimale, technoide, ravige in der Musik kommt wieder, ohne viel Schnickschnack. Dafür ist die Mode gerade in ihren letzten Zügen des Kitsches, packt nochmal alle seltsamen Frisuren, schrillen Farben und wüsten Kombinationen aus - nur um sich dann in spätestens ein, zwei Jahren wieder zurückzuziehen und das Wesentliche, das Minimale zu konzentrieren. Kommt wie das Amen im Gebet und die Tomatensauce auf die Pizza.

Apropos Kulinarik, da fällt mir "Skandalnudel" ein. Während Herr Doherty zur Abwechslung mal auch mit akzeptabler Musik und von den Jessica Fletchers gestohlenem Riff punktet, macht ihm seine Bekannte Amy Winehouse den Rang on top of this list ziemlich streitig. Wobei "Rehab" schon ein dermaßen autobiographischer Titel ist, dass es einem fast übel werden müsste. Schönes Stück Musik, trotzdem, sehr feine Mischung aus tiefem, altem Soul und modernen Beats. I like it.

Von den Strohfeuern des Trenduniversums zu Bleibendem - und damit zurück nach Kanada: Als Gesamtwunder manifestiert hat sich gnä´ Frau Feist. "The Reminder" geht astrein als das Album des Jahres durch, weil es songwriterisch auch beim dreihundertsiebenundvierzigsten Hören nicht langweilig wird, weil es musikalisch und emotional seine Wirkung auch beim tausendsten Mal nicht verfehlt, weil das dazugehörige Live-Erlebnis (bei der FM4-Session im Odeon Theater) länger nachhallt als das Echo im Grand Canyon, und nicht zuletzt weil bei all der Gesamtwirkung mit "1234" einer der besten Popsongs des Jahres drauf ist. Besser kann man sich in Zeiten wie diesen nicht auf und zwischen die Stühle "Pop" und "Kunst" stellen, meine ich.

Ebenfalls fast in diese Preisklasse einordnen würde ich da bloß noch Spoons "Ga Ga Ga Ga" - eine großartige Band, bei der ebenfalls die Musiker im Vordergrund stehen, nicht die Marketingkampagnen. So lob ich mir das. Sehr erfrischend waren auch die neue Platten von Architecture in Helsinki und Beirut, seitens Interpol das Einzementieren ihres eigenen Heldenstatus als eine der langfristig wohl prägendsten und wichtigsten Bands der Gegenwart - und das mit einem vergleichsweise "durchschnittlichen" Album. Modest Mouse haben bewiesen, dass eine Hymne Marke "Float On" (bei aller Großartigkeit der Band an sich) keine Eintagsfliege sein muss, wenn man Johnny Marr in der Mannschaft hat: "Dashboard" war der Beweis. Amerikanischer Natur groß aufgefallen sind mir positiver Weise auch die Cold War Kids, "Hang Me Up To Dry" ist eine der 07´er-Oden an das Unglück. Groß! Dann gab es viele unentdeckte Kleinigkeiten wie meinen diesjährigen Kitsch-Favourite: "No More Running Away" von Air Traffic. Geht auf wie ein Pizzateig - große Klasse... und zu Unrecht etwas untergegangen.

Österreichbezogen war das Jahr ein bemerkenswert starkes. Eine neue Generation zieht auf und wird das Musikgeschehen hierzulande noch stark und länger prägen - hoffe ich zumindest. So etwas wie eine greifbare und sich wechselseitig befruchtende Szene bildet sich gerade nach langem wieder in Wien rund um die Bands Kreisky, A Life A Song A Cigarette, Killed by 9V Batteries und Ja, Panik. Allesamt mit formidablen Alben ins Jahr gegangen, allesamt auf den Sprung ins Ausland - der eine oder andere wird da wohl "picken bleiben", um den Begriff von oben wieder aufzugreifen. Ja, Panik sind dabei mit "Marathon" und dem Album "The Taste And The Money" in der Pole Position.

Darüber hinaus starke Nachlieferungen und beeindruckende Nachweise ihres jeweiligen Status von Velojet über garish bis Naked Lunch, die mit "Military Of The Heart" sowieso den Vogel in Sachen "Indie-Hit made in Austria" abgeschossen haben. Auch nicht zu vergessen dabei die Kollaboration der großen Übriggebliebenen aus den 90er-Jahren: Texta und Attwenger in gemeinsamer Höchstform auf "So schnö kaunnst gar net schaun".

Die große, schöne und positive Überraschung hingegen war Clara Luzia. Nach sehr schönem Debüt "Railroad Tracks" (2006) kam "The Long Memory" und damit einher äußerst wohlwollende Kritik. Der Erfolg führt mittlerweile bis nach Holland, wo Clara Luzia am Eurosonic Festival im Jänner 2008 zu Gast ist.

Und halb-österreichisch weil aus "unserem" Haus kam man an Trouble Over Tokyo nicht so wirklich ganz vorbei. Der Erfolg von Christopher Taylor war freilich nicht nur auf dem famosen Album "Pyramides" begründet (mittlerweile das meistverkaufte schoenwetter-Album aller Zeiten, im März erscheint es weltweit), sondern vor allem auch auf seine unglaublichen Qualitäten als Live-Act. Da kommt noch was. Ich freu mich drauf. Möge ich 2008 recht behalten

Samstag, 8. September 2007

Was man in/von Island lernen kann

Selten hat mich ein Aufenthalt in der Ferne so dermaßen beeindruckt wie die Tage im August 2007 in Island. Weil die Eindrücke an Kraft, Nachhaltigkeit und Bedeutung für das Leben an sich wohl nicht so leicht zu übertreffen sind. Herrschaften: Das war "Schule" im besten Sinne.

In Island kann man eine Menge lernen. Die Insel wächst jedes Jahr um ein paar Zentimeter, ist der herausragende Spitz des den Atlantik durchquerenden "Mittelatlantischen Rückens". Sie "lebt", hat unzählige aktive Vulkane sowie natürlich die dazugehörigen Erdbeben. Und sie hat von den heißen Quellen bis zum riesigen Gletscher alles zu bieten, was die Erde so "drauf" hat. Island ist Erdgeschichte zum Anfassen.

Fakten, na gut. Aber man lernt mit ihnen, wie unbedeutend, klein, mickrig der Mensch an sich ist. Welch Fingerschnipp die Menschheit für den Planeten Erde und das Universum eigentlich bloß ist. Vergänglich wie ein Augenzwinkern, ein Räuspern.

Man lernt Begriffe wie "Ruhe" neu zu definieren. Oder solche wie "Frieden", "Weite" und "Sicht". Es ist ein wenig wie ein riesiges Spielzeug-Eldorado, durch das man - geschrumpft auf die richtige Größe - wandert. Wie ein Eisenbahnmodell ohne Eisenbahn (sowas gibts in Island nämlich nicht). Was ist schon eine von Menschenhand erbaute Stadt gegen diese unendlichen Fels-, Vulkan-, Lava-, Gesteins-, Wasser-, Sand- und Mooswüsten?

Es gibt Schafe, die aber nicht so recht aussehen wie Schafe in Mitteleuropa. Es gibt Pferde, die aber nicht so recht aussehen wie
Pferde in Mitteleuropa (Islandpferde, eben). Es gibt Berge, die aber
nicht so recht aussehen wie in Mitteleuropa. Und all das lässt einen
ein wenig fühlen wie auf einem fremden Planeten. Dabei ist man hier mehr auf der Erde als irgendwo sonst.

Und trifft man dann doch Menschen (gut 300.000 - so viele wie im Burgenland - leben in Island, verteilen sich aber auf eine Fläche
etwas größer als Österreich), dann lächelt man und schüttelt
innerlich ungläubig den Kopf. Ein Volk von Bauern, dass stolz darauf ist, ein Volk von Bauern zu sein. Und nicht nur das: die Bauern sind auch noch belesen, gebildet, um nicht zu sagen: intellektuell.

Während hierzulande DJ Ötzi ein Held ist, sind es dort Björk oder Sigúr Ros. Oder einer der hunderten Schriftsteller, der wohl traditionsreichste und ehrenvollste Beruf in Island - neben Bauer, versteht sich. Und zwar nicht für eine Elite in der Hauptstadt, sondern für "das gemeine Volk". Erstaunlich, beeindruckend - auch für eine Kolonie von insgesamt 113 Österreichern, die Island mittlerweile zu ihrer neuen Heimat gemacht haben (berichtet uns zumindest ein österreichischer Kellner, in dessen Lokal wir in Laugarvatn zufällig landen).

Das Adäquat zu Radio Burgenland ist hier natürlich ein Nationalsender (R1, R2). Abgesehen von einer Call-In-Sendung, der man, obwohl man kein Wort versteht, Gehalt und Niveau anmerkt, läuft hier Musik, der man das auch nicht absprechen kann. Keine Plastikpopware aus weiland Amerika, gerade noch ein bisschen Mika begleitet die Autofahrt rund um das Eiland. Kein Formatwahnsinn mit dem ewig gleichen Schrott. Dafür viel heimische Musik, tatsächlich "mehr Musik und mehr Abwechslung", vom Folksong über isländischen Metal bis zu elfengleichen Stimmen verpackt in eine Singer-Songwriter-Komposition. Alles in allem angenehme Begleitmusik, selten nervend, meistens spannend.

Hierzulande hieß es einmal, Österreich sei eine Insel der Seligen. Wer immer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat, er hat Island wohl noch nicht gesehen.

Mittwoch, 5. September 2007

Island

... war wahrlich eine Reise wert.

Vatnajökull-Ausläufer
Ein Ausläufer des Vatnajökull, einem Gletscher, der Mallorca vollständig unter einer fetten Eisschicht zudecken würde. Gletscherzungen wie diese gibts etwa 20. Drunter: Ein mächtig aktiver Vulkan.
StrandStrand
Der vielleicht beeindruckendste und schönste Strand an dem ich je war, und wenn sogar National Geographic das sagt, dann muss was dran sein. Unglaublich, wie schön Steine sein können.

Geysir
Der Klassiker: Geysir. Die heissen überall so, weil das hier, das Original, so heisst.

Myvatn-Schwefel

Nahe Myvatn schwefelt es gehörig und es stinkt elendig. Aber es ist verdammt beeindruckend, das ganze Vulkanzeugs.

Jökulsarlon
Mein persönliches Ober-Highlight unter allen Highlights: Jökulsarlon, ein riesiger Gletschersee voller Eisberge, der ins Meer mündet. Sieht immer anders aus, lässt einen staunen, was die Natur "kann". Sollte man irgendwann in seinem Leben gesehen haben, das. Und zwar nicht als Filmkulisse (wie in diversen Lara Crofts und James Bonds schon möglich).

Hunkubakkar
Am Hunkubakkar, einer Schlucht nahe dem Laki-Vulkan, der schon einige Male für eine ordentliche Katastrophe gesorgt hat, die teilweise Auswirkungen bis in die Benelux-Länder hatte.

Wasserfälle ohne Ende, hier überraschend grün zwischendurch.

Sonntag, 29. Juli 2007

Qualität und Quantität

Die Welt, wie sie heute ist, funktioniert nach den goldenen Regeln
des Kapitalismus, und also nach der Grundweisheit: Quantität entscheidet, Qualität ist nebensächlich. Wieviel Geld hast du, nicht warum. Wieviele Leute entlässt dein Konzern, nicht welche. Wieviele Besucher kommen auf dein Festival, nicht welche. Wieviele Leute wählen dich, nicht warum.
Welch Rattenschweif an Folgeerscheinungen das mit sich bringt, wird von Tag zu Tag Grauen erregender. Zählt also wirklich nur das nackte Ergebnis und nicht das "wie haben wir gespielt"? Zeit für mehr Qualitätsdenken, wenig Gründe dafür.

Beispiel 1.
Ein Job an sich definiert sich in dieser modernen Welt (unter anderem und nicht unwesentlich) am Gehalt. Das Sovielverdienichimmonat
ermöglicht eine Zuordnung zu einer modernen Form der Kaste, es bestimmt das, was man sich an Konsumgütern und Statussymbolen leisten kann.

Gehalt, das klassische quantitative Merkmal. Aber gibt es nicht auch noch andere Kriterien, nach denen ein Arbeitsplatz zu beurteilen ist. Machen nicht auch non-monetäre Dinge Jobs "wertvoll"?

Jetzt ist mein Job, den ich mir immerhin selber ausgesucht und quasi geschaffen habe, nicht unbedingt einer, mit denen ich nicht so schnell zur High Society stossen werde. Er bringt viel Ärger mit sich. Auch und vor allem dann, wenn man auch den finanziellen Unterschied zwischen dem, was man macht, und dem, was man stattdessen machen könnte, vorgeführt bekommt. Abseits des finanziellen Aspekts wird die tagtägliche Arbeit selten, und wenn, dann mit Kleinigkeiten "honoriert". Man tröstet sich oft mit dem missionarischen Dasein, mit der Freiheit seiner Entscheidungen und Zeiteinteilung (die in Wirklichkeit eh ganz und gar keine ist, aber das ist eine andere Geschichte) und mit der Tatsache, das man sich als klar denkender Mensch in den Spiegel schauen kann - was Menschen aus der Werbe-, PR- oder auch Musikbranche nicht immer können (allerdings fehlt denen vielleicht auch die Fähigkeit des klaren Denkens, womit das Spiegel-Argument ausgehebelt wird).

Jedenfalls sind es durch und durch qualitative Merkmale, die diesen Job (in meinem persönlichen Empfinden zumindest) Wert geben. Dramatischere Beispiele sind Leute in NGOs, Alten- und Krankenpfleger und dergleichen. Menschen, die wesentlich mehr Respekt verdienen als tatsächlich Geld. Gewisse Dinge sind mit einer Überweisung nicht zu bezahlen.

Beispiel 2.
Politik definiert sich in unserer heutigen Welt (unter anderem und
nicht unwesentlich) an Wahlergebnissen. Immerhin hat der Wähler Recht und Mehrheiten entscheiden. Quantität, also, ganz klassisch. Welches System an Korruption, Manipulation und Scheinheiligkeit das aber mit sich bringt... nunja.

Wenn Wählerstimmen in westlichen Demokratien schon nicht gekauft werden, so werden sie zumindest erschlichen. Falsche Versprechungen haben mehr Tradition als Weihnachten. Das Zeltfest besuchen und Hände von Leuten schütteln ist wichtiger, als tatsächlich sinnvolle politische Inhalte zu formulieren. Denn schließlich zählt deshalb Sympathie und Aussehen mehr als politische Visionen. Und wenn schon Visionen, dann bitte knackige Sprüche und abgegriffene Witze. Weshalb also Kraft vergeuden?

Es geht ja nur um Wählerstimmen, das Leckerli des Profipolitikers. Was für ein Grundübel. Es geht nicht um die Weiterentwicklung der Gesellschaft (was eines der hehren Ziele tatsächlicher Politik sein sollte), es geht nur um die Erlangug von Macht. Damit einhergehend gibt es viel Geld. Das kann prächtig eingesetzt werden, um Verbündete zu befrieden. Aus diesem Grund gibt es Gewerkschaften und Bünde, aus diesem Grund gibt es das undurchschaubare System an Förderungen und Zuwendungen für dubiose Vereine und Organisationen. Denn das bringt beim nächsten Mal wieder Stimmen, und der Kreislauf kann von Neuem beginnen. Wozu also tatsächlich Politik machen?

Die österreichischen Parteien geben Millionen an (öffentlichem) Geld für Lobbyisten, PR-Agenturen und Werbekampagnen aus, um das richtige "Image" zu transportieren. Im Vergleich dazu wird nur ein lächerlicher, marginaler Betrag in Expertisen oder Fachmeinungen investiert. Lieblingsstiefkinder sind Forschung, Entwicklung und Bildung - denn sie lassen sich nur schlecht verkaufen.

Der Normalbürger ist vielleicht nicht wirklich "dumm", aber er hat schlichtweg nicht die Zeit und schon gar nicht die Muße, um sich mit den komplexen und vielschichtigen Inhalten der Politik ausreichend auseinanderzusetzen. Trotzdem soll er die größte Last von allen tragen: zu entscheiden.

Es ist, als ließe man einen zufällig anwesenden Passanten eine Bombe entschärfen, in dem man ihn fragt, ob man den blauen, den roten oder den schwarzen Draht durchtrennen soll.

Stammtischdiskussionen haben die Tiefe des Neusiedler Sees, eben WEIL die dabei diskutierten Inhalte in der Regel nicht eindimensional funktionieren. Und Entscheidungen in diesem Bereich - auch solche der Wahl der richtigen Partei - sollten keineswegs nach eindimensionalen Kriterien ("Der is nett!", "Der is fesch!", "Genau! Die Ausländer ghern ausse!") funktionieren. Sie bedürfen Weitsicht, Verständnis von Zusammenhängen, eine klare Linie und zumindest ein Körnchen Weisheit.

Von den Millionen Wählern in einem Land erfüllen diese "Pflicht" nur ausgesprochen wenige. Und von denen, vermute ich, bleiben die meisten einer Wahl aus Protest fern. Das politische System bräuchte noch notwendiger als alles andere: Qualität.

Beispiel 3.
Zurück zu "meinem Job". Am vergangenen Wochenende ging wieder das Pappelpop über die Bühne. Etwas über 400 Besucher, finanziell ging sich das alles gerade mal so aus, wir hatten ausgezeichnet kalkuliert. Nettes, kleines Festival, aber ohne wirkliche Zukunft. Es ist nicht leistbar, auf lange Sicht mit einer wohldurchdachten, aber extrem knappen Kalkulation Veranstaltungen diesen Ausmaßes zu betreiben.

Aber immerhin: Ein paar Kilometer weiter, in Wiesen, hat ein Kollege weniger "Glück" gehabt. Er hat aber eines der schönsten Festivals der letzten Jahre programmiert - künstlerisch beeindruckend, dicht, stimmig und in sich geschlossen - und greift deshalb jetzt ganz tief in die Tasche, weil er weit unter dem geblieben ist, was er an zahlenden Besuchern zur Finanzierung des Festivals benötigt hätte. Ein Problem. Also haben wir es wieder: Quantität definiert, was zu tun ist, bestimmt den Weg, verbietet Qualität damit fast schon.

Denn: Die Freunde des großen Marktbeherrschers schaffen es, mit Pomp und Trara 60.000 Menschen auf ein Festivalgelände zu bewegen. Etwa das 40fache des zitierten Beispiels. War das Programm dort wirklich täglich VIERZIG-mal "besser"?

Bei dieser Quantität wird nach der Qualität erst gar nicht gefragt, denn Masse hat Recht. Noch schlimmer: Die Menschen gehen hin, weil alle hingehen. Der Mensch ist halt doch ein Rudeltier. Und entweder alle oder gar keiner. Hier also alle. Die Masse hat Recht, die Masse macht die Kohle, die Kohle macht mit Umwegen (Werbebudgets!) noch mehr Masse - schon wieder so ein Teufelskreislauf.

Der Unterschied: ein rein psychologischer, der auch im Mikrokosmos so funktioniert. Vergleiche Pappelpop (400 Besucher) und Lümmeltütenparty oder Sless (mehrere Tausend Besucher bei ungleich weniger Aufwand, geschweige denn "Programm").

Beispiel 4:
Ein ähnlich situiertes Problem: http://fm4.orf.at/blumenau/219245/main

Und ja, ich weiß: Die Liste ist beliebig erweiterbar.

Was das alles "wirklich" bedeutet?
Die Lümmeltütenparty hat Recht.
Die Kronen Zeitung hat Recht.
Ö3 hat Recht.
Jörg Haider hat Recht.
Der Papst hat Recht.
Die USA haben Recht.
George W. Bush hat Recht.
Die Börse hat Recht.

Angst?
Mit Recht.

Das Absurde ist: Um Qualität zu vermitteln, bedarf es der Methodik jener, die Quantität als Prinzip haben. Eine Grenze dabei zu ziehen, ist so gut wie unmöglich - wo beginnt das moralische Problem von Live Earth, wo hört die Klimadiskussion auf? Wo ist "Live Aid" ein Mega-Event, wieweit hilft es Afrika wirklich? Wo beginnt die PR-Maschinerie des Life-Ball, wo ist dias Thema AIDS dabei obsolet?

Freitag, 18. Mai 2007

Der Amadeus, also.

Seit einigen Jahr vergibt sich die hiesige "Musikindustrie" Preise, damit sie weiß, wie gut und wichtig sie ist. Gestern erstmals im Gasometer. Zeit für ein paar Ansichten zum hiesigen Musikwesen.

Der Gasometer ist ja schon als Konzertlokalität ein bissl ein Problem. "Gut gemeint" ist mir schon bei der Eröffnung vor ein paar Jährchen dazu eingefallen. Unlängst bei Bloc Party ebenda fühlte ich mich wieder bestätigt. Die (gute) Band hat da doch etwas gelitten. Sound furchtbar, Ambiente kalt. Eine Konzerthalle, eben, und kein intimer Club. Gestern, beim Amadeus, wars an sich ein bissl ähnlich.

Die Macher hatten sich viel überlegt und vorgenommen, und tatsächlich eine "Show" von herzeigbarem Format (zu sehen heute ab 21:15h im ORF) zustandegebracht. Der Amadeus sei, so Moderator Andi Knoll (man möchts ja kaum glauben, aber ein leiwander Bursch, übrigens, nämlich wirklich), endlich dort angekommen, wo er hingehöre: in einer Konzerthalle.

So spi- und spülten die "Showacts" jeweils zwei Nummern anstelle von einer herunter, befanden sich in einem "Graben" zwischen Bühne und VIPs ein paar hundert (um dafür mit 35,- abgezockte) Kids, die kreischend ihre Liebe zu Christl Stürmer und Co. bestätigen durften.

Dabei enthebt sich natürlich das, was die Kaiser Chiefs oder Naked Lunch (um mal von den "Guten" zu sprechen), jeder Form von Konzertkritik, aber in das Konzept und Format "Show" hat das ganz gut gepasst.

Das damit die interessanten Acts aufgezählt sind - eh klar. Das sich die internationalen Stargäste sonst auf die auf jeder Frühstücksparty trällernden Melanie C oder die Castingpüppchen Monrose beschränkt: ja, eh. Wir sind in Österreich, das ist ein Land, dass den Red Hot Chili Peppers oder Gnarls Barkley (die beiden Acts gewannen den Preis für bestes Album bzw. beste Single des Jahres) nicht einmal ein "mir is wurscht" abringen. Das dürften sogar die bei dieser Kategorie bitte enttäuschten Kiddies eingesehen haben, die sich auf diese Acts natürlich auch gefreut hätten.

Es ist halt eine Industrieveranstaltung - ein österreichische noch dazu. Und gehuldigt wird der Industrie. Das ist es ja auch, was das ganze vor allem NACH der Show immer ausgemacht hat: Die magische "Aftershow Party", bei der die zahlenden Kids auch um noch so viel Geld nicht hinein hätten dürfen. Und ehrlich: Sie würden auch hier dermaßen enttäuscht sein, wie wenige Stars und wie wenig glanzvoll das letztlich vonstatten geht... "real life is stupid" wie der Generation Freizeitphilosophin Paris Hilton zu sagen pflegt.

Man trifft "Business-Kollegen" und sorgt dafür, dass das Bier und der Vodka wieder viel zu früh verschenkt ist. Man beschwert sich über zu frühe Sperrstunde und lässt ein wenig die Sau raus. Man sieht Leute zu Eberhard Forchers DJerei tanzen, denen man nicht einmal das Beherrschen eines einzigen Schrittes auf einer Tanzfläche zugetraut hätte. Man drängt sich vor dem Buffet, als ob es um UEFA-Cup-Plätze für den Lieblingsverein ginge - oder noch mehr. Man trifft neue und alte Bekannte und Leute, die man jedes Jahr nur zum Amadeus sieht. Man jammert über den Zustand der Musikindustrie an sich und tut sich vielleicht auch noch gegenseitig leid.

Dort, wo alle diese Klischees zuhause sind, hat gestern das Problem begonnen. Das ist schade. Der Gasometer ist in Sachen Flair dem ORF-Zentrum haushoch unterlegen. Platzmangel nahe der Panik, die Temperaturen ließen zeitweise den Schluß zu, man befände sich in einer Gruppensauna. Das war für das Um und Auf bei dieser Sause, das "Socializen" nicht gerade hilfreich. Das tat der Stimmung einigermaßen Abbruch. Aber nun gut: Kollateralschaden. Das Bild nach außen, das war stimmiger als bisher. Und schließlich braucht man ja auch einen Legitimationsgrund für das jährliche Geschäftskomatrinken.

Das täuscht aber sowieso nicht über ein paar grundlegende Probleme dieser Veranstaltung hinweg: So schön kann die Fassade gar nicht geschmückt werden, als das man nicht entdeckt, welch baufälliges Haus sich dahinter befindet.

Dass der Christina Stürmer-Preis völlig überraschend an Christina Stürmer ging, ja eh.... Wer soll ihr einen Vorwurf machen, dass sie mit gelebter Durchschnittlichkeit immer noch voraus ist? Die gnädige Frau ist mittlerweile übirgens endgültig deutscher als der deutscheste Piefke, was ihr Sprech betrifft - mir graut, und ich bin nicht allein.

Mondscheiner, seit 2002 aktiv, sind "Newcomer des Jahres". Ö3 hat sie "entdeckt" und vereinnahmt (wem immer das Ding rund um "Die neuen Österreicher" eingefallen ist... ) - für Mondscheiner gilt: Mitgehangen, mitgefangen. "Eh nett", und wenigstens wirklich Musiker mit Hintergrund, eigenen Ideen und einer Vorstellung von der Welt, wie sie wirklich ist.

Die plastische Substanzlosigkeit von Luttenberger*Klug ("Single des Jahres") kann auch der von den hiesigen Major-Labels offensichtlich als Messias verehrte Produzent Alexander Kahr nicht verbergen. Kahr hatte, ich nenne es jetzt mal blöd so: Zufallstreffer mit Christina Stürmer und wird seither mit ALLEN Aufträgen mit Schlagrichtung Mainstream/Pop zugeschüttet, als ob er der einzige Mensch in Österreich wäre, der einen Regler bedienen kann.

Pop, das ist oder wäre ein großartiges Format, eine unglaublich leiwande Spielwiese. Da muß man gar nicht so streng sein wie Herwig Zamernik, der (verständlicherweise) meinte, er wüsste jetzt, warum er seit jeher ein "Indie-Fuzzi" ist. Man sehe sich an, was die wirklich fähigen Kollegen in den englischsprachigen Ländern aus Talent machen können. Was gibt es einzuwenden gegen Popmusik, wenn sie originell und gut gemacht ist?

In Österreich begnügt man sich damit, die medialen Seilschaften und das bisschen Budget dazu zu nutzen, um maximal mittelmäßige Plastikprodukte als hochwertiges Edelmetall-Geschirr zu vermarkten. Aber gut: Die Masse spielt ja gerne mit.